Hightatras:
Passanten
Unternehmertum
Der schmale Oberkörper des Mannes versinkt in einer blauen Wattejacke, einem Relikt aus Tagen der Lohnarbeit. Seine Hand führt ein Herrenfahrrad, das er jetzt neben einem öffentlichen Mülleimer abstellt, eine rostige Fußraste ermöglicht sicheren, lotrechten Stand. Er wippt den schmächtigen Körper auf die Fußspitzen, wirft seinen geübten Blick durch die Öffnung in das Zwielicht des an einer Laterne befestigten Abfalleimers. Tritt einen Schritt zurück, bringt durch Abrollen der Füße auf die Zehen die Schulterkugel auf Einwurföffnungshöhe, führt den rechten Arm waagerecht bis zum Ellenbogengelenk in den Schlund des orangenen Blechquaders ein, winkelt den Arm senkrecht an und sinkt durch Entspannen des Körpers mit dem Arm in den Mülleimer hinein. Ein gespannter Blick, alle Sinne liegen jetzt in der am Boden tastenden Hand. Dann eine Umkehr der flüssigen Drehbewegung, die auf Vertrautheit mit der räumlichen Beschaffheit der städtischen Abfallbehälter hindeutet. Die Hand des Mannes hat zwei leere Bierflaschen aus der Tiefe geborgen und ordnet diese, an dem Fahrrad stehend, in eine der zahllosen Plastiktüten, die von langer Benutzung nur noch Reste der einstigen Reklameaufdrucke erahnen lassen. An der Lenkstange hängen zwei moderat gefüllte Tüten, am Gepäckträger sind mit den Resten eines Stromkabels die Bretter einer Kiste befestigt und erweitern den Stauraum zu einer kleinen Ladefläche. Ein erfolgreicher Leergutsammler.
Vernehmlicher werdend, ausserhalb meines Blickfeldes im Rücken, Schlurfen und Singsang. Monoton, melodisch und unverständlich. Dann wieder Schlurfen. Ein kleiner Mann, einen Einkaufswagen hinter sich herziehend, schleppt sich heran. Der Bart schütter und doch zersaust, der Mantel befleckt und fadenscheinig. Er bittet die Reisenden wohl um eine Spende, der Singsang einer fremden Sprache, bald gurrend, bald verhalten quiekend. Das linke Bein des Mannes von koboldhafter Statur ist gelähmt, ganz verdreht und steif hindert es seine Bewegung. In seiner schlecht durchbluteten Rechten hält der Bettler einen Fetzen Karton auf dem in ungelenker, rätselhafter Schrift teils lateinischen, vertrauten Buchstaben, teils unbekannten Zeichen wohl die Unbilden seines Lebens zusammengefasst sind. Das Schriftstück hält er, unter sanftem Gemurmel, im Abstand von höchstens fünf Zentimetern für vielleicht drei Sekunden in das Gesichtsfeld der einzelnen Reisenden. Noch ehe mögliche Spender den Inhalt zu erfassen vermögen und nach ihrer Börse oder losem Kleingeld greifen können, wird das Schild auch schon ungestüm und ungehalten fortgerissen. Weiterschlurfen.
2. Februar 2006Inflationär ansteigend, die Anzahl der Personen, die sich mit Dosenpfand über Wasser halten müssen.
Aber Punks sind freundlicher geworden, wünschen trotzdem noch einen schönen Tag!
Meinte Simon am 3. Februar 2006 um 9:29 Uhr