Hightatras:


Passanten

Der Catsanweg

Die Frau die barfuß aus dem Realmarkt kommt und mehrere Beutel Katzenstreu heim trägt. Sie ist mit einem türkisfarbenen, weit geschnittenen Kleid aus Kunstfaser bekleidet. Die neonartige Farbe des Gewandes lässt den fülligen Leib und die blondierten Haare bleicher erscheinen als sie eigentlich sind. Die drallen, kräftigen Arme sind quadellig und von Bindegewebsschwäche geprägt. Ihre Wangen sind mit zinnoberfarbenem Rouge geschminkt, die Augenlider mit echsenartiger Metallicpaste überzogen. Entgegenkommende Passanten sieht sie selig und ein wenig herausfordernd an. Als sei die Rückkehr vom Einkauf ein Weg zu spiritueller Erleuchtung durch Kasteiung. In den Mittagsstunden die Fußballen langsam auf dem glühend heißen Pflaster abrollen, das auch mit Glasscherben, Speichelbatzen und Kot übersät ist. Ohne zu murren, in heiterer Gelassenheit mit possierlichen Katzenbildern werblich zurechtgemachte Papiersäcke mit kiloschweren, weißen Tonmineralien zur Absorption von Katzenurin forttragen, vielleicht kilometerweit.
Das mit hellgelber Keramik verkleidete, kleine Hochhaus knapp über üblicher Traufhöhe, dessen Balkonbrüstungen oben zu zwei Dritteln von gewellten Stahlbändern eingefasst werden. Auf einem Balkon klappern die Plastiksteine eines Gesellschaftsspieles, Rummikub oder Scrabble. Ein Mann bereitet sein Cabriolet für eine Spazierfahrt vor, er trägt eine Handgelenktasche sowie eine randlose Brille und hat halblange graue Haare deren lichte Stellen durch eine marineblaue Schirmmütze kaschiert werden an der eine güldene Kokarde prangt.
Eine Stadtvilla im Stile des Backsteinexpressionismus; Klinker, die sich bedeutungsschwanger um Rundungen fächern, ein Portal gearbeitet aus tiefblauer Keramik, silberne Lüster, an den Wänden worpsweder Werke, Sportwagen, anthrazitfarbener Familyvan in SUV-Optik. Mein Boot, mein Haus, mein ländlicher Garten. Die leger im Mundwinkel hängende Zigarette einer jungen Gärtnerin die leichten Fußes ihre Aufgabe versieht. Das ist die Grenze der Exaltiertheit — hier.

An einem anderen Ort, eine Parterrewohnung. Dunkle Möbel, deren Kern mutmaßlich aus Pressspan besteht, überzogen von einer filmartigen Melange aus Teer und Hausstaub, auch die Fenster sind fast blind. Ein langhaariger Mann sitzt koboldhaft und rundrückig in einer finsteren Zimmerecke vor dem PC. Der Raum ist mit zahlreichen Gitarrenständern gefüllt, die sich, einer Schlange gleich, in zweiter Reihe an das düstere von Gilb geprägte Inventar schmiegen. Die durch Brandlöcher schäbig gewordene Sitzgruppe, die Schrankwand, welche hinter Rauchglas wohl entwendete Biergläser präsentiert. Einige der Gitarren, solche wie sie die Mitglieder von Heavymetalbands verwenden, verjüngen sich seitlich in haifischflossenartige Extremitäten und sind augenscheinlich aufwändig und mit phantastischen, teils schaurigen Motiven lackiert. In den nussbaumimitatfurnierten Boxen entlockt Yngwie Malmsteen — oder so ähnlich — seinem Saiteninstrument die allergeilsten Klänge.

21. Juli 2007
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