Hightatras:
Passanten
Zaunputzerin im Mondschein
Die kühle Abendbrise war bereits vom apfelhaften Odem des Herbstes durchspült. Gülden, gleich einer überreifen Pomeranze prangte der volle Mond am königsblauen Firmament. Am Fuße eines, die Gebietsgrenzen eines bescheidenen Eigenheimes bezeichnenden, Zaunes ließ sich eine dort kauernde Gestalt ausmachen. Mit nunmehr an die zwielichtige Beleuchtungssituation adaptiertem Auge, entpuppte sich das vermeintliche Chimärenwesen als eine fleißige Hausfrau, die mit Schwamm und einem, wohl Seifenlauge bergendem, Plastikeimer bewehrt, dem an den stählernen Streben des Zaunes haftenden Straßenstaub und dehydriertem Hundeurin zu Leibe rückte. Im Hintergrund der Szenerie ein architektonisch mangelhaftes Haus dessen Thermofensterfront einen Blick in das Herzstück der Behausung gewährte. Der Herr des Hauses hatte es sich in einem Sessel bequem gemacht und verfolgte ein Fernsehprogramm, der Dramaturgie der Sendung folgend bald jäh in kalten bläulichen Schein getaucht, bald vom Dunkel umfangen.
Handelte es sich beim Putzen des Zaunes um eine vom Majordomo auferlegte Strafmaßnahme, da das Verhalten der Gattin von ihm als nicht comme il faut beurteilt wurde, oder agierte die Frau aus eigenem Antrieb, sich demütig sinnloser, niederer Arbeit hingebend?
20. August 2005