Hightatras:

Von Letohrad nach Bad Schandau

In einer Pension nördlich von Geiersberg (Letohrad) stellt man mir ein Bierglas zum Austrinken hin. Die Bar ist mit drei gedämpften Lampen beleuchtet, sonst ist die Schankstube dunkel. Drei Stammgäste sitzen, Schnaps trinkend und rauchend, eng beieinander vor einem kleinen Farbfernseher der auf dem Tisch steht und lachen gemeinsam, wenn der Fernsehkomiker einen Witz macht. Über der Theke hängen diverse gerahmte Photographien nackter Frauen, auf Fellen vor mit dunklem Holz eingefassten Kaminen liegend beispielsweise. Warme Farben und Holz, wie vor langer Zeit aus einem tschechischen Erotikmagazin ausgeschnitten. Blonde Frauen mit hohen Wangenknochen und molligem Hintern. Der Wirt hat lange Haare und trägt einen grauen Jogginganzug. Er ist sehr sanft. In den Fremdenzimmern im ersten Stock sind die Wände mit Phototapeten beklebt, vom Bett aus fällt der Blick auf einen traumhaften Südseeinselstrand. An den inhaltsarmen Stellen der Wand, also vor blauem Himmel etwa sind wiederum Bilderrahmen angebracht, eine nackte Frau, die der Künstler als so heiß darstellen wollte, daß er ihren Körper vermittels Airbrushtechnik in einen lavaspeienden Vulkan übergehen ließ, und gewisse Körperpartien zudem vermittels erhabenen Glitzerstaubes betonte. Draussen an der Wand ist eine farbige Leuchtreklame befestigt, die gelegentlich etwas flackert; ein kleiner Araberjunge aus verschiedenfarbigem Plexiglas zusammengefügt in Pantoffeln, der lachend eine Tasse Mokka anbietet. Jenseits der Straße, in der Finsternis wühlen sich Schweine im Halbschlaf leise grunzend in den Schlamm. Mehr

Jetřichovice

Die hölzerne alte Mühle liegt an einem kleinen Wasserfall. Objektiv müsste man das fortwährende Rauschen als Belästigung empfinden, das Gehirn verklärt allerdings den Lärm romantisch und der Mensch fühlt sich wohl. Zudem ist das Gebäude von im Regen leise vor sich hin schimmelnden pittoresken Felsformationen und Nadelwald umstanden. Letzteres ist erstaunlich, wird doch ausschließlich mit salziger Braunkohle geheizt, deren Verbrennungsgas bekanntlich in feuchter Atmosphäre umgehend schweflige Säure und Schlimmeres bildet. Durch widrigen Luftdruck begünstigt kriecht der Geruch alter Öfen nächtens in meine Lunge und lässt mich mit Atemnot erwachen. Keine Kohlenmonoxiderstickungsmeise, sondern der salzige Geruch von Schwefel, gerade so als schritte der Bocksbeinige höchstpersönlich durchs Schlafgemach, einem aufgeklärten Menschen genügt es aber bei offenem Fenster zu schlafen, es riecht schließlich nur nach Ostblock. Immer nur Nebel und Regen, Matsch, wenig Räumlichkeit und trübe Farben. Ferner das verschnarchteste Silvester seit Jahren, Spaßmacher im Fernsehen und Angela Merkel, später zwei oder drei schüchterne Feuerwerkskörper, die in einigen Kilometern Entfernung abgebrannt werden. Al Jazeera zeigt zur Entspannung schinkenhafte Spielfilme, in denen Beduinen erzürnt brüllend durch die Wüste reiten und mit ihren Säbeln rumfuchteln. Im ägyptischen Fernsehen singt ein junger Mann, der mit seiner entzückenden Gespielin an mondbeschienenem Gestade zusammentraf, ein langes und trauriges Lied, er schüttelt dabei fortwährend den Kopf und schiebt leidvoll die Augenbrauen zusammen. Mehr

Lago Maggiore

Kurze Tunneldurchfahrten, für Sekunden ein Blick hinauf zu leeren Seilbahnen die im Nebel verschwinden, Dunkelheit, dann eingerahmt vom Zugfenster und triefenden, stahlnetzgebändigten Felsen am Bahndamm, hoch oben, schneebedeckt und sonnig: das Gotthard-Massiv, Dunkelheit und ein Tal dessen Himmel von einer Autobahnbrücke überspannt wird, in tiefsten Tiefen, an einem, Baumstämme mit sich reißendem Fluß, duckt sich verschüchtert ein Bergdorf. Dann ein langer Tunnel, die Architektur sieht plötzlich südländisch aus, in den Gärten wachsen Palmen neben schlanken Tessinerhäusern. Gewerbetreibende heißen nun Grassi oder Ferrari, der gleiche, dicke Schaffner spricht jetzt italienisch mit deutsch-schweizer Akzent. Mehr

Von Rüdnitz am Hellsee entlang nach Wandlitz

Mit der S-Bahn bis Bernau geht subjektiv ziemlich schnell, eine Station weiter mit der Regionalbahn nach Rüdnitz theoretisch auch (immer sechs nach), wenn nicht betriebliche Gründe für eine vierzigminütige Verspätung sorgen. Mal wieder typisch sagen die latent frustrierten Pendler in Shorts und Sandalen mit leichten Aktentaschen und Regenschirmen. Sie haben ja Regen angesagt. Rüdnitz, ein Mann trainiert im Garten seinen Hund. Im Lebensmittelladen vor mir an der Kasse ein kleiner Junge mit Fahrradhelm, der eine große Tüte Leergut mitgebracht hat. Hamwanich sagt die Frau am Tresen bei jeder Flasche, die der Junge ihr anbietet und sieht ihm bedauernd und ein wenig vorwurfsvoll in die Augen. Als der Junge sich schweigend und die Tasche schlenkernd trollt, vermute ich schon das Schlimmste, kann aber mein Naschwerk ohne Probleme mit einem Zwanzigeuroschein bezahlen. Sogar schönes Wochenende wünscht die Einzelhändlerin. Über die Bundesstraße 2 hinweg, beginnt an der wenig befahrenen Straße die zu den Hoffnungsthaler Anstalten führt, der nördliche, gelbe Abzweig in den Wald, vorbei an einer sonnigen Lichtung auf der pferdeschwänzige Biobäuerinnen bündelweise gesunde Möhren ernten. Linkerhand drehen sich träge die Räder eines Windparks. Unweit der Windkraftanlage erstreckt sich das ehemalige Lager Koralle, unterirdische, achtstöckige Bunkeranlagen, aus deren Schutz Großadmiral Karl Dönitz den deutschen U-Bootkrieg befehligte. Der nun rote Weg kreuzt die mir bereits bekannte Fahrradroute zur Langerönner Mühle, es geht weiter bis zum Nordende des Mechesees, den man von hier nicht sehen kann, doch deuten die Rufe Badender auf seine tatsächliche Existenz hin. Mehr

Leipzig im Regen

Ein Wochenende im verregneten Leipzig. Auch in den, mir bislang unbekannten, Randbezirken sehr schöne, im Krieg wenig zerstörte gründerzeitliche Bausubstanz. Lange, vergleichsweise breite Straßen mit vierstöckiger Wohnbebauung, oftmals Klinkerfassaden gegliedert durch viele Erker, jedoch ohne Balkone zur Straße. Auf dem Weg durch den Stadtteil Gohlis zum Leipziger Zoo schönste Jugendstilbauten. Insbesondere die Eingangsbereiche der Mehrfamilienhäuser des gehobenen Bürgertums, verziert mit den obligatorischen Medusenköpfen und floralen Ornamenten des Jugendstils aber auch — besonders beeindruckend — verblüffend vielgestaltige steinerne Tierfriese. Eulen, Hasen, Greifvögel und Schlangen. Faunale Motive, die wieder in den kunstvoll geschnitzten dunklen Eingangstüren aufgegriffen werden. Die Fundamente zumeist bis zum Hochparterre mit historisierend trutzigem Naturstein hervorgehoben.
In der Leipziger Innenstadt, wie fast überall in Deutschland, ist die neuere Architektur der letzten fünfzehn Jahre beliebig und langweilig bis zum Kotzen. Verkitschte High-Tech-Architektur mit viel Glas, Stahl, albernen Sheds und mintfarbenen (Mon Dieu!) Verkleidungen. Mehr

Böhmische Schweiz

Mit der Bahn ist es subjektiv eine kurze Reise von gut drei Stunden bis Schöna. Von hier Überfahrt mit dem Raucherschiff nach Hřensko. Ungesunder Teint und gelber Qualm, einer der Reisenden hat eine künstliche Lunge die ihn aus einer schwarzen Umhängetasche mit Sauerstoff versorgt. Auf der tschechischen Seite der Elbe sind Rauchwaren auch für minder Betuchte wohlfeil. Der frühere Holzhandelsplatz und gründerzeitliche Touristenort Herrnskretschen ist heute geprägt von vietnamesischen Verkaufsbuden, die sich durch den, an das Flüßchen Kamenice geschmiegten, Talort ziehen. Hier mündet der Kamnitzbach in die Elbe, weiter Flußaufwärts wird die Kamenice von Sandsteinfelsen zu einer tiefen Klamm eingeschlossen. Im Sommer kann man die Edmundsklamm (Tychá souteska) mit flachen Kähnen befahren, im Dezember findet hier keine Schifffahrt statt, auf diesem Weg ist Mezná nicht zu erreichen, auch nicht zu Fuß, eine eiserne Tür ist in eine Felsspalte eingelassen und verwehrt die Passage. Daher also mit einem kleinen Bus von Hřensko nach Mezná, am Steuer ein betrügerischer Busfahrer. Eine Fahrt von gut zwanzig Minuten durch neu verschneiten Wald und überpuderte Sandsteinfelsen. Mezná (Stimmersdorf) ist die einzige Gemeinde im Nationalpark České Švýcarsko. Der Ort liegt auf einer kleinen Anhöhe, im Norden blickt man auf den südlichen Teil des Elbsandsteingebirges zur anderen Seite über das Kamnitztal auf sanft gehügelte Wälder und kegelförmige Basaltkegel, namentlich der Rosenberg, die höchste Erhebung hier. Mehr

Alpen im Spätsommer

waldrastspitze
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Alpenrundreise

gipfel
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In den deutschen Alpen

Bayern ist Teil von Deutschland, aber bereist man dies Bundesland, wähnt man sich in einem fremden Land. Alles Leben wirkt hier in seiner Wurzel der Tradition verbunden, es handelt sich um einen im ländlichen Raum von der CSU beherrschten Glaubensstaat. Der Nationalpark Berchtesgaden liegt in einer Art Halbinsel eigentlich schon in Österreich und verfügt über vorzügliche Alpenlandschaft, die bereits seit den siebziger Jahren recht konsequent gegen weitere Zerstörung durch Seilbahnen und Autoverkehr geschützt wird. Nicht ein geschlossener Bergzug bestimmt hier das Bild sondern in ihrer Charakteristik recht unterschiedliche Bergstöcke bilden hier die Landschaft.

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