Hightatras:


Reiseberichte

Alpenrundreise

gipfel

Erste Station der Reise war, nach durchrüttelter Nacht im beengenden Nachtreisezug der Deutschen Bahn, das Villgratental, ein am südlichen Abhang der Alpen gelegenes Nebental des Pustertales, nahe Lienz in Österreich. An einem warmen Nachmittag von Sillian mit dem Autobus nach Innervillgraten. Recht steil, zum Teil wohl mit mehr als 45° Neigung steigen die Wiesenhänge vom Tal aus in Richtung Waldgrenze. Die den Ortschaften nahen Wiesen werden zur Heuproduktion für den Winter genutzt. Hierzu bedient man sich sowohl der Sense als auch speziellen kleinen Traktoren und Mähmaschinen, die an die Gefährte erinnern, die die Amerikaner zur Erkundung des Planeten Mars einsetzen. Die schönen Höfe sind über die grünen Hänge nahe Innervillgraten verstreut, fast ausschliesslich Holzhäuser, ein Fundament aus Beton oder Natursteinen gleicht die Hanglage aus, die folgenden drei Stockwerke sind aus dunklem Holz gefertigt, mit einer den ersten Stock umspannenden Galerie.

holzhaus
alpenarchitektur
Fast jedes Gehöft verfügt über wenigstens eine Seilbahn um das Heu zwecks Trocknung und Lagerung auf den Dachboden zu befördern. Für die Kühe ist das Terrain hier zu steil, diese befinden sich im Sommer auf den Almen. Vom Dorfzentrum von Innervillgraten, daß 1405m hoch liegt führt ein dreistündiger Weg auf den Aussichtsberg Gabesitten. Zur Verwirrung hat man hier das Gipfelkreuz an falscher Stelle aufgestellt, der eigentliche Zielpunkt der Wanderung liegt noch einmal zwanzig Minuten oberhalb.

gabesitten
gabesitten
gabesitten
In Regionen, die an anderen Orten der Alpen schon ausgesprochen hochalpin sind, ist es hier, auf dem Gipfelplateau, recht lieblich, Wiesen, Kühe und Grashüpfer auf 2655m über dem Meeresspiegel. Abstieg dann über den steileren Wanderweg Richtung Unterfelden. Eine weitere Tour führt durch das Einettal in drei Stunden, vorbei an den kleinen Remmeseen über steile Grasstufen hinauf zum 2763m hohen Rotes Kinkele, erst auf den letzten Metern wird die Tour hochalpin und der, wohl bei klarem Wetter vorzügliche Ausblicke gewährende, Berg zeigt das namensprägende rote Gestein.

villgratental
Abstieg durch das flachere Westtal über Kamelisenalm, hier eine wenige Häuser umfassende Siedlung, die sich um eine sehr schöne, gänzlich aus Holz erbaute kleine Kapelle schart. Später von Kalkstein durch das Marchental über Gissertörl hinauf zum Marchkinkele, dann über Hochrast durch das Tafintal zurück nach Innervillgraten. Die Wanderung verläuft über weite Strecken auf einem Höhenweg, der im ersten Weltkrieg angelegt wurde, heute die Grenze zu Italien bildend, von hier immer wieder schöne Ausblicke zu den Dolomiten.

villgratenwolken
In der Regel ist die Region wohl die sonnenreichste Österreichs, das Gebirge verwittert und liefert damit reichlich Humus für die vielen Wiesen und die wilde Vegetation bis in höchste Höhen, reichlich Alpenrosen, Blaubeeren und Himbeersträucher, wohl auch zu anderer Jahreszeit seltene Knabenkräuter und Edelweiß.

villgratental
blaueis
Weiterreise mit der Eisenbahn ins Stubaital, kurze Fahrtunterbrechung in Lienz, welches schön gelegen ist, eine kleine Alstadt hat, jedoch kleinstädtisch und gleichzeitig ungünstig verbaut wirkt. Ankunft mit dem Zug im Bahnhof von Innsbruck, vom Bahnhofsvorplatz schöner Blick auf die abendlich besonnte Nordgruppe, welche hier omnipräsent die alpine Stadt überragt. Mit dem Bus über die Europabrücke, vorbei an langen Lastwagenkolonnen, die Waren über die Brennerautobahn transportieren. Das Wipptal wird in seinem Verlauf immer wieder von der Autobahn durchschnitten, Tankstellen die unvermittelt im Bergwald auftauchen, tief unter den kühnen Brücken einstmals idyllische Bergdörfer. Eine zentrale Handelsroute für den alpenüberschreitenden Verkehr seit hunderten von Jahren, heute ein Indiz dafür, daß Benzin und Lastkraftwagen noch viel zu billig zu sein scheinen oder Bahn-Cargo rein wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig ist, da sich der Transport in den deutschen oder italienischen Supermärkten nicht notwendigerweise im Preis abbildet.

villgratental
villgratental
Über Fulpmes weiter nach Neustift. Bei Tage besehen entpuppt sich das Tal als ziemlich unschön, an einer Bundesstraße endlose Hotels und Pensionen. Die Architektur übertrifft sich oftmals leider an Geschmacklosigkeit und Kitsch, recht große Hotels mit allem Komfort sind hier mit verkitschten Elementen bäuerlicher, alpiner Architektur zu der Form von disneylandhafter Urigkeit gestylt, die der Autoreisende wohl zu schätzen weiss. Lifte und Gletscherbahnen ermöglichen vermittels elektrischer Energie bequemen Menschen den Zugang zu Gipfeln.

kammerlinghorn
stubaital
stubaital
Wendet man sich jedoch von dem vielstimmigen Geklapper der Wanderstöcke im Tale ab, so bietet das Stubaital zahllose Möglichkeiten für schöne Ausflüge ins Hochgebirge. Einen vorzüglichen Blick Richtung Innsbruck und Nordgruppe sowie über das Wipptal gewährt der Serles (Waldrastspitze), ein Gipfel, der von Kampl in gut drei Stunden zu erreichen ist. Ebenso die Kesselspitze, auch von Kampl zu erreichen. Rotspitzl von Falbeson über Mischbachalm nach Krößbach. Recht schön ist auch das vom Haupttal abzweigende Oberbergtal, der Rückweg der Regentour führt an einer Stelle durch einen 640m langen Tunnel.

tal
Ebenfalls im Regen ein Besuch in Innsbruck. Die Stadt verfügt über eine recht große und auch schöne Altstadt, die wohl im zweiten Weltkrieg nicht so zerstört wurde wie vergleichbare deutsche Städte. Innsbruck wirkt einerseits städtisch andererseits ländlich ohne unangenehm zu sein, die Ränder der Stadt insbesondere Richtung Hungerburg scheinen der Bauweise nach zu urteilen eingemeindete Dörfer zu sein, in der Innenstadt aber auch Mehrfamilienhäuser und Straßenbahnen. Nördlich des Inns hat man vom Hang einen schönen Überblick über die Stadt, am jenseitigen Hang die diversen Verkehrsstränge, Eisenbahn und Kraftverkehr, die ins Wipptal drängen. Obwohl Innsbruck ein alpiner Verkehrsknotenpunkt ist, wirkt die Stadt nicht sehr hektisch oder schmutzig. Dank seiner Lage im Gebirge kann die Stadt nicht unbegrenzt wuchern, jedenfalls nicht in nördlicher und südlicher Richtung. Später Besuch im Alpenvereinsmuseum, eine sehenswerte Kunstsammlung mit dem Sujet Alpenraum namentlich Edward Theodor Compton, der mir bislang nicht bekannt war, auch einige expressionistische Ölbilder ferner Lithografien des neunzehnten Jahrhunderts sowie eine sehr knappe Geschichte der Kartographie des Alpenraumes. Dann Weiterreise nach Weißbach, durch die recht lange und beeindruckende Seisenbergklamm hoch zum Hirschbichl, über Hintersee nach Ramsau mit dem Wanderbus.

schaertenspitze
Diesmal auf das Kammerlinghorn über die Kammerlingalm, von Hirschbichl in gut drei Stunden, Abstieg über Mittereisalm durch den nächtlichen Zauberwald nach Ramsau. Vom Gipfel des Kammerlinghorn Blick über das Steinere Meer, im Südosten bis zu den hohen Tauern. An einem anderen Tag über Blaueishütte zur Schärtenspitze, Abstieg über die Eisbodenscharte über Hochalm und Eckaualm zurück zur Pfeifenmacherbrücke in Ramsau. Von St. Bartholomä über Sigeretplatte durchs Wimbachtal, auch im Herbst eine der schönsten Touren im Nationalpark Berchtesgaden. Am Trischübel wieder viele fast zahme Gemsen, nahe der Gipfelkreuze immer Alpendohlen, insbesondere die älteren Tiere fressen Brotkrumen aus der Hand. Alpendohlen (Pyrrhocorax graculus) sind wahrhafte Flugkünstler, bald in den Aufwinden segelnd, bald im rasanten Sturzflug mit angelegten Flügeln einen Felssitzplatz ansteuernd. An regnerischen Tagen einige Spaziergänge im Lattengebirge unternommen, die Gegend wird aufgrund ihrer geringen Höhe unterbewertet. Mir gefällt es jedenfalls dort.

schaertenspitze
Damit dieser Text nicht gänzlich monothematisch auf Spaziergänge beschränkt bleibt, eine abschließende kulinarische Besonderheit des Villgratentals: Hinter der Verkaufstheke der Bäckerei Bachmann in Innervillgraten eine stets zum Plaudern aufgelegte, süße, kurzsichtige ältere Dame. Feilgehalten wurde hier der beste Strudel der Welt, höchst schmackhaft sowohl die mit Topfen (Quark), als auch die mit Äpfeln und Rumrosinen gefüllte Variante. Köstlich gewürzte Füllungen innnen, leichter knuspriger Blätterteig mit Puderzucker bestäubt aussen. Auch das österreichische Bier ist wesentlich besser als ich erwartet hatte, würzig und schwer ohne zu süß zu sein. Wer gerne Bier trinkt ist offenbar in Europa ganz gut aufgehoben. Ich möchte eine Faustregel aufstellen: Alle europäischen Biere, die in Regionen die keinen direkten Zugang zum Meer haben, gebraut werden, sind gut bis sehr gut, je südlicher die Lage und je näher die Berge oder Mittelgebirge desto besser das Bier.

12. Oktober 2005
Kommentare:

wunderschön!

Meinte 2R am 13. Oktober 2005 um 20:59 Uhr

lieber peter,

sehr schöne bilder! weiter so :)

sugruß

Meinte su am 15. Oktober 2005 um 10:36 Uhr










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