Hightatras:


Reiseberichte

Lago Maggiore

Kurze Tunneldurchfahrten, für Sekunden ein Blick hinauf zu leeren Seilbahnen die im Nebel verschwinden, Dunkelheit, dann eingerahmt vom Zugfenster und triefenden, stahlnetzgebändigten Felsen am Bahndamm, hoch oben, schneebedeckt und sonnig: das Gotthard-Massiv, Dunkelheit und ein Tal dessen Himmel von einer Autobahnbrücke überspannt wird, in tiefsten Tiefen, an einem, Baumstämme mit sich reißendem Fluß, duckt sich verschüchtert ein Bergdorf. Dann ein langer Tunnel, die Architektur sieht plötzlich südländisch aus, in den Gärten wachsen Palmen neben schlanken Tessinerhäusern. Gewerbetreibende heißen nun Grassi oder Ferrari, der gleiche, dicke Schaffner spricht jetzt italienisch mit deutsch-schweizer Akzent.

Wanderer
Kühe
Eine Reise ins Tessin, zum südlichen Abhang der Alpen. Aus dem Süden, vom Rand der Poebene, bringt der Lago Maggiore —— der 66 km lange See —— das mediterrane Klima nach Norden ins Piemont, an den Fuß der Berge. Locarno am Nordufer verfügt über sehr milde Temperaturen, der Jahresdurchschnitt liegt bei knapp 12° C, selbst im Dezember kann man mit leichter Jacke bekleidet im Freien sitzen oder gehen. In neunhundert Meter Höhe gedeihen Palmen, Zitrusbäume, Kakteen und Feigenbäume neben klassischer Alpenflora. Der Lago Maggiore ist eingefasst von typischen Bergen der Südalpen, die Nordseiten mitunter ein wenig felsig und schroff, die verwitternden, sonnigen Südseiten mit schmalen Wegen über steile Grasstufen. Bei jedem Tritt flüchten unzählige Springschrecken von ihren Sonnenplätzen. Euthystira brachyptera oder die knatternd auffliegende Psophus stridulus zum Beispiel, die Vielfalt der Feldheuschrecken ist enorm.
Von oben — die Berge sind hier zumeist unter zweitausend Metern —immer wieder schöne Ausblicke auf den See, bei klarem Himmel bis zum Monte Rosa, dem Matterhorn und den anderen Viertausendern der Schweiz und des italienisch-schweizerischen Grenzkammes. Durch den spätsommerlichen Dunst über dem Lago Maggiore, dringt schwach das Hornsignal der Fähren, die das Westufer mit dem Ostufer verbinden.
Gurro
Dörfer, die in ihrer Struktur eher an kleine Städte erinnern, mit einem Netz engster Gassen verbundene Häuser scharen sich als Siedlungen eng um die Kirche des Ortes — diese meist mit freistehendem Campanile —und bilden schöne Plätze, oft steil am Abhang klebend, stets mit vorzüglicher Aussicht. Bei kleinster Grundfläche recht hohe, mitunter viergeschossige Rustici oder Tessinerhäuser. Architektur aus Naturstein, dem hier vorherrschendem Tessiner Granit, ursprünglich trocken gebaut, lediglich für die Waagerechten, wie den Dachstuhl oder Tür- und Fensterbalken wurde Holz verwendet. Häufig sind die Decken und Türbalken in den einfachen Häusern sehr niedrig, man muss den Kopf einziehen.

Dank der engen Bauweise sind die Orte auch heute noch, wo Raum für Ackerbau und Viehzucht keine Rolle mehr spielt, außerordentlich schön, da die engen Gassen keinen üblichen Autoverkehr ermöglichen. So wie Cannobio am Lago Maggiore, mit seinem Marktplatz am Hafen, den Bars und Restaurants am See, dem Fährhaus und seiner kleinen Promenade. Oberhalb von Cannobio, westlich, schlängelt sich eng das Valle Cannobina hinauf, dessen Straße das Centovalli mit dem Lago Maggiore verbindet. Zu beiden Seiten des klammartigen, von hohen Brücken gekreuzten Flusses zweigen steile Serpentinen zu kleinen Bergdörfern, wie Falmenta, Gurro oder Spoccia ab. Bis in eine Höhe von knapp 1600 Metern ist das Valle Cannobina mit urwüchsigem Laubwald bedeckt. Nadelbäume gibt es hier gar nicht. Kastanienbäume, Eichen und Buchen, an dessen Wurzelwerk mitunter die wohlgeformtesten Steinpilze in großer Anzahl gedeihen. Frische Feigen. —Umgeben von ledriger, vom grünen ins violette changierender Schale birgt die Frucht süßes Fleisch, daß in seiner rosaroten Feuchte an eine saftige geöffnete Vagina erinnert. Maronen, Pilze und Blaubeeren, auch verwilderter roter Wein, mit süßen Trauben von brombeerhaftem Aroma. Brüchige Natursteinmauern, Reste früherer Terassenwirtschaft. Heute, an sonnigen Stellen, das Domizil zahlloser Eidechsen. Alle Wege sind schön, nur ausnahmsweise trifft man Menschen zumeist Sammler oder Deutsche. Landwirtschaft wird im Valle Cannobina nicht mehr betrieben, wenn dann nur für den Eigenverbrauch, wohl aber wird gesammelt, Kastanien, Pilze und Schrott. In den Dörfern sieht man selten junge Menschen eher alte Frauen in schwarzen Strickjacken, die den Perlenvorhang vor der Tür zur Seite schieben, auf die Terasse treten, wenn einmal in der Woche nachmittags der kleine Bus kommt. Dorfcliquen sind klein, drei halbstarke Jungs, die mit dem Mofa zur alten Kapelle hochgeknattert kommen um dort heimlich zu rauchen.
Wasser
Schuttkegel
Unten
Pericoloso
Überall fließt es ins Tal hinab, kleine Bäche, Wasserfälle und Quellen, so auch auf dem Weg von Falmenta zum Monte Zeda, schmale Pfade, Stufen aus Granit, an der guten Selbstversorgerhütte Alpe Forna vorbei auf bequemem Weg von östlicher Seite auf den pyramidenförmigen Aussichtsberg, von dessen Spitze man bei klarem Wetter eine vorzügliche Sicht auf den Lago Maggiore, den Lago di Lugano und die Tessiner Berge hat. Immer wieder erheben sich am Horizont aus dem Taldunst die schneebedeckten Viertausender. Der Westaufstieg zum Monte Zeda ist recht steil und höchst ausgesetzt. Zurück über Monte Vada und Monte Barro nach Falmenta. Palmen und schneebedeckte Berge neben leicht morbider Architektur in klassischen Proportionen sind wohl die Kontraste, die den Reisenden neben italienischer Küche aus dem Norden nach Italien locken. Der Fremde sieht im allgegenwärtigen Verfall eher die gängigen Motive der Romantik. Die meisten Orte im Valle Cannobina haben keinen Laden mehr, der Bus fährt selten. Die Menschen schaffen sich ihre eigene, private Infrastruktur mit dem Auto. Das frühere Rückzugsgebiet der Partisanen ist heute die Sommerfrische der Deutschschweizer und der Deutschen, die hier die Füße hochlegen und bei einem Glas Wein vielleicht das Feuilleton der Zeit oder einen Krimi mit Niveau lesen. Häuser im Valle Cannobina sind billig, halbe Orte sind zu verkaufen: in zwanzig Jahren heißt das Valle Cannobina bei den Italienern Valle Tedesca und ist eine deutschsprachige Rentnerkolonie.
Reisende
Buchenwald
Das kleine Restaurant in Falmenta, nahe der Kirche, hat nur manchmal geöffnet. Heute brennt Licht, die Küche hat dennoch geschlossen, also eine Tüte Kartoffelchips und ein Bier. Heineken, dafür aber eiskalt und schnell gezapft. Oben, in der Ecke flimmert der Fernseher wie ein blauer Kamin. In der Mitte der Kneipe sitzt der Wirt an seinem Stammplatz. Vor ihm die Fernbedienungen, Rheumasalbe, Medikamente und Mineralwasser. Weitere Gäste gibt es nicht, später kommt eine zwergenhafte, nach Waschmittel duftende Frau mit grauem Dutt und wechselt die Kissenbezüge der Plastikstühle während im Hintergrund Chuck Norris Fausthiebe austeilt. Ein operettenhafter Boulevardnachrichtenkanal, weinende Soldatenmütter, Bodyguards italienischer Provinzpolitiker mit überkandidelten Sonnenbrillen, Quizshows, Reklame egal was. In seiner Jugend hat der Wirt als Bauarbeiter in Deutschland gearbeitet.

In Spoccia laufen mittags hinter dreiviertel heruntergelassenen Jalousien die Spielfilmwiederholungen. Wie nicht selten im Süden hassen die Einheimischen die Sonne, die engen Gassen sind recht kühl und ein wenig modrig. Der Genpool für Katzen ist offenbar klein, manchmal haben alle Katzen eines Ortes blaue Augen oder aber die gleiche Erbkrankheit. Einige Orte im Tal strahlen Leben aus, andere den nahenden Tod. Über Spoccia auf schmalem und steilem Pfad hinauf zur Alpe Spoccia, eine verfallene Alm aus Rusticoruinen unterhalb des Gridonekammes. Weiter über aufgelassenes Weideland, durch schattige Buchenwälder vorbei an plastikblumengeschmückten Kapellen und wilden Ziegenherden.

Almen mit Wochenendhäusern überquerend hinauf zur La Piota von wo sich ein vielgestaltiges Panorama bietet, tiefe Blicke nach Süden, ins Val Grande und weit zu den Schneegipfeln im Westen, später zurück über L'Alpone, dort ein selbstgemauerter Pizzaofen, Pizza con porcini vielleicht, eine kleine Boulebahn, ein älterer Mann putzt Steinpilze, seine Frau sitzt in der Sonne und liest. Am Fahnenmast weht die italienische Flagge, darunter die der europäischen Union.
Im Valle Cannobina gibt es Schlangen, sowohl harmlose Nattern, als auch giftige Vipern wie zum Beispiel Kreuzotter (Vipera berus) oder Aspisviper (Vipera aspis). Der Biss der Viper zeichnet sich durch zwei nahe beieinanderliegende Einstichstellen aus. So am Wegrand zu beobachten, hier hat eine Aspisviper einen Feuersalamander erlegt, auf dem Rücken des mit dem Tode ringenden Tieres die charakteristische Bisswunde. Beim Nahen menschlicher Schritte flieht die schwarze Schlange, schnell, raubtierhaft und gefährlich. Die Bisse der im Valle Cannobina und Val Grande ebenfalls anzutreffenden Nattern sind schmerzhaft aber folgenlos.
Falmenta
Der Bus windet sich, von Locarno kommend, über, in der Hitze flimmernde Serpentinen hinauf zum Sacro Monte. In Schichten verbergen sich hinter Palmen Altersheime und Friedhöfe, gefolgt von Villen mit begehrtem Seeblick in Südwestlage. Goldene Zäune und Freitreppen aus kostbarem Stein, wildlederne Slipper, pastellfarbene Pullunder, Cabriolets, sicher vorzügliche Weinkeller und erlesene Zigarren. Das Baumaterial für den größeren Pool bringt der Helikopter.
Ronco
Der Kontrast ist groß zwischen dem materiellen Reichtum an den Hängen des Sees und der Peripherie — den Seitentälern in den Bergen. Schnauzbärtige Steinpilzsammler in Armeehosen, die Hemden machismohaft weit aufgeknöpft, über dem schwarzen Brusthaar hängt an silberner Kette das Kreuz. Die Ruine eines Natursteinrusticos mit unverputzten Hohlbetonsteinen um fensterlose Nebengelasse erweitert. Ölfässer, halbausgeschlachtete Autos und magere Hunde, die hinter rostigem Maschendraht toben wie toll.
Lago
Die Talorte im Valle Maggia liegen, im Süden, bevor sich das Tal teilt, recht tief — bei dreihundert Metern. Es ist ein breites Tal mit einer großen Straße und einem schönem Fluß in der Mitte. Die Wasserkraftwerke im Norden haben dem Maggiastrom seine ursprüngliche Potenz geraubt, nach ergiebigem Regen, der hier wohl immer ergiebig ist, werden die Flüße noch heute zu reißenden Gewässern und an den Steilhängen zeigen sich Wasserfälle wo sonst keine waren.

Wie ein umgekehrter Bergsturz ergiesst sich die Villenlawine rund um den See den Berg hinauf. Konservierte Vergangenheit gepaart mit der Bequemlichkeit des Homo Technicus. Kirchen, Grotti, Granittreppen und aus jeder mittelgroßen Ritze wuchern Oleander oder Sukkulenten. Schnellstraßentunnel und Autosilos unter pittoreskem Ortskern tief im Fels. Mit erhöhter Reisegeschwindigkeit zurück zu den Wurzeln, dem einfachen Leben und erholsamer Bergeinsamkeit. Wer hier keinen eigenen Wagen lenkt ist ein Narr. Distanzen gefühlter oder objektiver Weglosigkeit lassen sich immer noch mit dem Helikopter zurücklegen. Dieser fliegt Steine zum Hausbau in die Berge, die Lastwagen bringen auch getrocknete Steinpilze, Esskastanien und Milch in den Supermarkt im Talzentrum, nach Maggia zum Beispiel.
Cimetta
Oberhalb von Fusio. Die Landschaft gliedert sich hier in Stufen, schmaler Steig über Wiesen und durch lichten Wald, ein kurzer steiler Anstieg zu einem kalten grünblauem Bergsee — dem Lago Mognola, der den Boden eines recht großen Schuttkegels bildet, darüber von Flechten bewachsene, grünlichgraue, schroffe Berge. Am Hang entlang von Stein zu Stein, später steiler Aufstieg über Grasstufen und brüchigen Stein zum Pass (Passo Fornale). Der Ausblick von hier oben erinnert mich sehr an die Hohe Tatra, die Farbigkeit, die Hochmoore und die kleinen Seen. Über Capanna Soveltra durch eine schöne Klamm mit überhängenden Felsen, von denen das Wasser tropft, endlos hinab nach Broglio. Der letzte Bus ist weg. Die einzigen Gemsen des Tessins sah ich im Val Cocco. Murmeltierbauten auch, aber keine Murmeltiere.
Cimetta
Von Cevio mit dem Postbus über eine serpentinenreiche Straße auf 1506 Meter nach Bosco Gurin, einem Walserdorf. Das Klima ist hier rauher, alpiner, hier wachsen keine Palmen mehr. Wenn die Sonne nicht scheint, ist es kalt wie im Winter, ein Ort in dem der Schnee liegen bleibt. Im Winter wird Abfahrtsski betrieben, zahlreiche Sessellifte erschließen seit den neunziger Jahren die nordwestliche Talarena. Ein Dorf, in dem 80 Menschen ständig leben, mit Seilbahn- und Hotelinfrastruktur für Millionen. Im Gespräch ist für die Zukunft ein 40 Millionen Franken teurer Bergbahntunnel nach Fondovalle in Italien. Mailänder Wintersportler wären damit zum Beispiel in anderthalb Stunden am Abfahrtshang, so sieht es jedenfalls die Planung vor.
Bosco Gurin
Beim Aufstieg von Bosco Gurin zum Pass Quadrella findet sich an schattigen Stellen Eis, oben ist es windig und kalt. Auf südlicher Seite ein schöner Höhenweg der auf knapp 2000 Metern sonnig unterhalb des Bombögn entlangführt und in Cerentino endet. Alternativ vom Pass Quadrella über Campo zurück zur Postbushaltestelle Linescio. Zunächst hinab ins Tal, neben dem tiefeingeschnittenen Flussbett liegen liebliche Wiesen und hohe Steinbrücken beugen sich über die rauschende Klamm. Im grünen, durchsonnten Farn grasen rotbraune Hochlandrinder, deren an Orangutans erinnernde Fellfarbe einen flirrenden Kontrast zu dem frischen, feuchten Farngrün bildet. Campo, das Dorf am südlichen Abhang des Bombögn bewegt sich. Seit 1892 ist die Kirche 27 Meter nach Osten gewandert. Verantwortlich hierfür sind die wasserundurchlässigen Lehmschichten des Bombögn, welche bei starkem Regen das Erdreich im Tal zu Pudding verwandeln. Der Aussicht wegen sehr zu empfehlen, ist der, vom Höhenweg abzweigende Aufstieg zum Bombögn auf unmarkierten Pfaden, derer es hier viele gibt. Steige, angelegt von Ziegen und von Menschen. Ebenfalls schön, nordwestlich, oberhalb von Bosco Gurin der Wanderweg zum Pass Hendar Furggu, von dort ein neuer Blick nach Italien, der Weg führt über einen Schutthang weiter nach Fondovalle. Erfreulich ist zudem, daß der letzte Bus von Bosco Gurin im Sommer erst um kurz vor sieben fährt und nicht, wie in anderen Seitentälern des Valle Maggia, bereits um fünf. Busfahren ist in der Schweiz im Gegensatz zu Italien möglich, aber extrem teuer. Ich rate, gleich beim Eintreffen in Locarno oder Maggia eine Wochenkarte zu kaufen, die auch die Benutzung der Centovallibahn und mancher Seilbahnen —zumindest ermäßigt — ermöglicht.
Madone
Von Locarno mit dem Bus bis zur Seilbahnstation Orselina, von dort mit der, trotz Ermäßigung, sehr teuren Seilbahn hinauf zur Cimetta. Bereits von hier hat man einen großartigen Blick auf den See und die südlichen Alpen. Die meisten Reisenden gehen nur bis zur Aussichtsplattform, bestenfalls bis zur Cima della Trosa. Ab hier, beim schattenlosen Aufstieg zum Madone kehrt wieder Ruhe ein. Die Rundtour führt weiter über Alpe Pizzit und Brunescio nach Gordevio.
Onsernone
Mit der Centovallibahn nach Verdasio, von hier mit der kleinen Seilbahn das Tal überquerend hinauf nach Rasa. Ein Dorf, daß nicht mit dem Auto zu erreichen ist, angenehm ruhig, ein wenig wie auf Hiddensee, an der Bergstation stehen Handkarren bereit für den Transport von Gepäck und anderen Gütern. Aufstieg durch Buchenwald hinauf zum Pizzo Leone, oben am Kamm, tritt man aus dem Wald in die Sonne, vom See bläst der Wind hinauf, unten im Dunst liegt die Isole die Brissago auf dem Lago Maggiore kreuzen die Segler. Segelboote so schön verteilt, besser könnte es ein Gestalter auch nicht anordnen —dies nur als kleiner Insiderwitz am Rande. Später hinab über leicht hügeliges Grasland nach Ronco. Auch hier erinnert die Landschaft an eine recht hohe Ostseedüne, das dürre Gras, die vor dem Inverna windflüchtenden Buchen auf der Nordseite. Auf der anderen Seite des Centovalli, gegenüber, liegt der Pianascio, durch Buchenlaub raschelnd von Càmedo oder Borgnone zu erreichen. Mitte Oktober ist es südländisch, sommerlich und warm.
Kraftwagen
Der staatliche Schweizer Rundfunk, der abends aus dem Küchenradio schallt, kocht einem langsam das Gehirn weich, eine tückische Melange aus Elton John, DJ Bobo und mundartlicher Fünfzigerjahre-Idylle. Talk-In-Sendungen über den kommenden Herbst oder die Renovierung von Bauernhäusern, während im Land über eine Verschärfung des Asylrechts abgestimmt wird. Sendungen die Nachtexpress heissen und um 22 Uhr beginnen, die Läden schließen um 18 Uhr, Nachtclubs um 1, bereits um 20 Uhr sitzt der Schweizer mit geputzten Zähnen vor dem Kamin, ab 22.30 Uhr wird das Licht gelöscht. Die meisten Schweizer sind allerdings recht freundlich, ein kleines, autarkes Europa für sich. Ein Nationalstaat, der sich selbst genügt, alle sprechen ein wenig Deutsch, Italienisch und Französisch, die Sprachen vermischen sich, im Gespräch, auf der Milchpackung oder den Hinweisschildern, die hier überall zahlreich angebracht sind. Passanten, die die Hängebrücke zum Schwanken bringen, wird eine Buße von 50 Franken in Aussicht gestellt. Steinpilze sammeln nur vom zwölften bis zum Ende des Monats — sonst droht ebenfalls Buße. Fahrgeld bereitgehalten —Fahrplan eingehalten, ein wenig wie im Osten früher.

Frankophone Touristen, die ohne Unterlass reden, eine Sprache wie geschaffen zum Plaudern, lieblich und einander zustimmend wie das Gezwitscher schnäbelreibender Kanarienvögel. Stets mehr Unterhaltung als Gespräch, primär sozial, Information als gerngesehenes Beiwerk. Die Willensnation aus unterschiedlichen Sprachen, Dialekten und europäischen Kulturen bewahrt meines Erachtens die etwas beschränkten Schweizer davor etwa so stark zu verblöden wie die Deutschen. Gut gesprochen ist Italienisch wohl eine der schönsten Sprachen Europas. Etwa so wie es die beherzte Busfahrerin spricht, die den Bus rasant die Serpentinen hinablenkt und dabei mit den in ihrem Rücken sitzenden Damen redet. Sie singt fast, die Worte fließen zusammen zu einer melancholischen Melodie der Klage, als sie von der Renovierung ihres Hauses spricht, den Handwerkern, und später dann von den schlechten Ärzten, die ihre lamiamama behandeln.
Piota
Würde man als Reisender gen Norden nahe Basel aus dem Schlaf erwachen, so könnte man meinen, der Zug nähere sich bereits Berlin. Flachland, Baumärkte, Tunneleinfahrten mit Graffitis (diese allerdings auf höherem Niveau als in Berlin) europäisch standardisierte Geschäftsbauten und Autobahnzubringer neben den Gleisen. Auf den ersten Blick differenziert nur noch die Vergangenheit die Städte Europas. Ich döse ein wenig, der ICE lässt die fahle Sonne hinter Schleierwolken entlangrasen. Nebenan am Tisch der Businessreisenden zwei Geschäftspartnerinnen im Gespräch. Meetinggeschädigte, immer reden, niemals schweigen, denn Schweigen bedeutet Schwäche, beim Reden gleichzeitig sehr langsam Denken. Hierachiepositionen als Subtext eines scheinbar ungezwungenen kollegialen Gesprächs unter Teammitgliedern. Sekundenschnelle Blicke in Wohnzimmer, Gärten, Schilder, Ortsnamen, Hügel werden zur Ebene, Dachstuhlformen die die norddeutsche Tiefebene präludieren. Auf dem Bahndamm steht ein Mann und zeigt auf eine halbvolle PET-Flasche mit Mineralwasser in seiner Hand.

19. Oktober 2006
Kommentare:

Ferner ein erster Versuch Google-Earth als eine Art Reiseblog zu verwenden. Das aus gpx-Koordinaten generierte kml-File enthält stilisierte Bewegungsverläufe, aufgezeichnete besondere Wegpunkte und zahlreiche weitere Bilder in dem räumlichen Kontext, in dem sie aufgenommen wurden. Möglicherweise füge ich später noch weitere Text-Balloons hinzu, die kleinere Notizen beinhalten, die nicht für einen längeren linearen Text geeignet erscheinen. Zur Betrachtung des Reiseberichtes ist Google-Earth erforderlich.

Meinte Dr. No am 19. Oktober 2006 um 17:07 Uhr










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