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Reiseberichte

Leipzig im Regen

Ein Wochenende im verregneten Leipzig. Auch in den, mir bislang unbekannten, Randbezirken sehr schöne, im Krieg wenig zerstörte gründerzeitliche Bausubstanz. Lange, vergleichsweise breite Straßen mit vierstöckiger Wohnbebauung, oftmals Klinkerfassaden gegliedert durch viele Erker, jedoch ohne Balkone zur Straße. Auf dem Weg durch den Stadtteil Gohlis zum Leipziger Zoo schönste Jugendstilbauten. Insbesondere die Eingangsbereiche der Mehrfamilienhäuser des gehobenen Bürgertums, verziert mit den obligatorischen Medusenköpfen und floralen Ornamenten des Jugendstils aber auch — besonders beeindruckend — verblüffend vielgestaltige steinerne Tierfriese. Eulen, Hasen, Greifvögel und Schlangen. Faunale Motive, die wieder in den kunstvoll geschnitzten dunklen Eingangstüren aufgegriffen werden. Die Fundamente zumeist bis zum Hochparterre mit historisierend trutzigem Naturstein hervorgehoben.
In der Leipziger Innenstadt, wie fast überall in Deutschland, ist die neuere Architektur der letzten fünfzehn Jahre beliebig und langweilig bis zum Kotzen. Verkitschte High-Tech-Architektur mit viel Glas, Stahl, albernen Sheds und mintfarbenen (Mon Dieu!) Verkleidungen.

Der Leipziger Zoo ist ein sehr weitläufiges Areal, die einzelnen Häuser und Freigehege sind in die oppulente Vegetation des alten Gartens eingebettet, viel Jugendstil und später hinzugefügter Klinker-Expressionismus. Eher als Schutz vor einem plötzlichen Schauer, der Besuch im direkt am Eingang gelegenen Aquarium. Fische hatte ich wohl zu gering bewertet bislang, insbesondere die Vielfalt der tropischen Tiefseetiere ist doch sehr beeindruckend. Sowohl die Form durchbrechende grelle Farbkontraste als auch die subtil filligrane Musterung anthrazit-schwarzer Fische wirkt bisweilen fast metallisch und sehr schön. Im oberen Stockwerk steht der Besucher in der Mitte eines Aquariums, in dem Haifische ihre Runden ziehen. Die gläserne Räumlichkeit der Becken verursacht bei konzentriertem Blick leichten Kopfschmerz.
Viele der klassischen Gebäude sehen zwar gut aus, waren aber zu keiner Zeit zweckmäßig als Behausung für Tiere. Man hat in den letzten Jahren viel neue, sehr große, reichlich begrünte Gehege angelegt, die den Tieren auch die Möglichkeit bieten, sich von den Zuschauern zurückzuziehen. Besonders toll ist das »Pongoland«, eine bei schönem Wetter von Affen bevölkerte Landschaft — die Menschen sind nur durch Gräben von den Tieren getrennt. Aufgrund der feucht-kalten Witterung hielten sich die behaarten Primaten in dem, in einen Felsen eingelassenen Haus auf. Affen zu beobachten ist eine große Freude, in kurzer Zeit sind hier alle Wurzeln menschlichen Handelns, befreit von Täuschung und Tabu, zu beobachten.
Traurig fand ich es, die Tiere zu sehen, die an den Bedingungen der unsachgemäßen Käfighaltung zerbrochen sind, so wie der Lippenbär, der von manischem Hospitalismus getrieben von einem Bein aufs andere tritt, und dabei seinen Kopf schüttelt. Schön widerum das einzelgängerische Okapi, eine Mischung aus Zebra, Pferd und Giraffe mit leicht elchhaft anmutendem Schädel. Am besten gefielen mir indes, neben den unablässig grabenden Erdmännchen, die eleganten und sanftmütigen Giraffen. Das Gelände ist so groß, daß ich viele Tiere leider gar nicht gesehen habe.
Am nächsten Tag ein Besuch des Völkerschlachtdenkmals, daß anlässlich der Niederschlagung der napoleonischen Armee im Jahre 1813 im Auftrag des »Deutschen Patriotenbundes« nach Entwürfen des Architekten Bruno Schmitz 1913 errichtet wurde. Im Kern einer der ersten großen Betonbauten der Welt, eine Krypta mit expressiven Totenmasken und riesenhaften steinernen Kriegern, gekrönt von einer tempelhaften Kuppel. Die steinernen Figuren auf der Galerie der »Ruhmeshalle« verkörpern die damaligen deutschen Werte von Tapferkeit, Volkskraft, Opferfreudigkeit und Glaubensstärke. In ihren Dimensionen und mit den stark betonten Extremitäten erinnern die Plastiken stark an die spätere Bildhauerei eines Arno Breker oder an die Körperdarstellung des sozialistischen Realismus. Die düsterfeuchte, hohe Kuppel wird nach außen durch eine massige, glockenförmige Fassade aus Rochlitzer Porphyr verborgen. Der ganze Bau ist ein Formexperiment des Jugendstil im Auftrag deutscher Nationalisten, ein Bruch mit den Proportionen und Motiven der Antike zugunsten eines »nationalen Baustils«, die archaisch steingewordene Allianz aus Moderne und Militarismus. Meine erste Assoziation aus der Ferne, war die eines Bunkers, erst aus der Nähe sieht man das organisch gründerzeitliche Detail. In Gedanken befreit von allem Jugendstil-Ornament beinhaltet der gigantische Koloss schon den Archetyp des funktionalen, deutschen Hochbunkers aus unverwüstlichem Beton — inklusive Flakstellung auf der Spitze. Steigt man die 364 Stufen zur Aussichtsplattform hinauf, hat man einen großartigen Ausblick auf Leipzig und das angrenzende Umland. Am Horizont kleine kegelförmige Berge, gelbblühende Rapsfelder und Windparks.

22. Mai 2006
Kommentare:

am wochenende auf einem der zahlreichen kulturkanäle (im zuge der soldaten-in-den-kongo-debatte) kurz bei radio okapi reingehört. der stream allerdings klingt doch sehr nach mittelwelle.

Meinte fabe am 22. Mai 2006 um 21:13 Uhr

OT: Dr., haben Sie auch E-Mail? Ich muss mal was mit Ihnen bemailen. Jetzt, wo Sie in Leipzig waren.

Meinte picea am 23. Mai 2006 um 23:55 Uhr










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