Hightatras:

Play a sad melody, the only one they know

Die Räume sind geschnitten wie die Ferienwohnung in Uffing, in der ich als Kind mit meinen Eltern den Sommerurlaub verbrachte und wie dieses düstere Durchgangszimmer in Neukölln, in dem wir in den Salad Days hinter heruntergelassenen Jalousien die Nächte durchkifften. In der Wohnung stehen sehr viele Betten, die Gänge zwischen ihnen sind schmal. Es ist Nacht. In den Betten, die Köpfe unter den Decken versteckt, versuchen Menschen zu schlafen, wälzen sich aber nur unruhig hin und her, da M und ich geräuschvoll ein futuristisches Fahrzeug zusammenbauen. Jede freie Fläche ist mit Spezialteilen, die für das Fahrzeug benötigt werden, übersät, so auch die Bettdecke eines Bettes in der Ecke, unter der A leise stöhnend versucht einzuschlafen. Sie hat einen alten, behinderten Schäferhund mitgebracht, der ohne Unterlass durch die Wohnung schleicht und einen Klumpfuß hinter sich herzieht. M und ich hören bei der Arbeit Wall of Voodoo, wieder und wieder, sehr laut und singen schlecht, aber mit Inbrunst mit und machen dabei pathetische Gesten. Am Boden stehen gleissend helle Bauscheinwerfer, und jede Bewegung wirft lange Schatten, auch der ruhelose und gebeugte Hund, dessen Silhouette belalugosihaft über die Tapete geistert. Ich erwache, weil auf mir ein russischer Sumōringer sitzt, mit blondierten Hundehaaren. Seine Haut ist teigig, wulstig und mit Kronen, kyrillischen Zeichen und naiv realistischen Motiven seines Verbrecherlebens tätowiert. Der Sumōringer war der Schäferhund, er hat sich irgendwie verwandelt, nur seine Haare sind geblieben und die dampfend gelben Raubtierzähne.

Der Tag eins nach Oberschledorn

Ich gerate recht plötzlich in Streit mit einem Unbekannten über die Frage ob man Honig mit Wasser verdünnen dürfe. Natürlich nicht, das Werk der Bienen würde so entweiht. Als sich dieser Unbekannte, der sich als H ausgibt, zudem anschickt defekte Computerplatinen in das auf dem Tische stehende, schöne Honigfass zu werfen, eine sinkt bereits langsam blasenwerfend auf den güldenen Grund des irdenen Hafens, eine weitere schlage ich ihm rasch aus der Hand, packe ihn sodann erzürnt am Schlaffitchen und zeige dem hilflos Strampelnden sowie zugleich bald dämonisch, bald schwachsinnig Grinsenden, wo der Maurer das Loch ließ. Draussen vor der Tür greint H herum und macht mir halblaut moralische Vorhaltungen. In einem Popup erscheint meine Mutter — als Mediatorin, wie eine Unterzeile erläutert — das klick ich aber gleich weg. Honigseim ist Honigseim ist Honigseim. Ich dulde in dieser Frage keine Widerrede! Es ist ja nicht einmal so, daß H versuchen würde die Tür einzutreten oder eine Szene zu machen und lauthals Arschloch o.ä. zu rufen, daß die Mietparteien pikiert und in Bademänteln an die Spione treten. Oh my gosh, he is such a windelweicher whacko!

Maschinelles Geräusch raubt mir die Nachtruhe

Ein Schlafzimmer mit weißen Vorhängen, in dem sich sowohl der Ruf der Möwe vernehmen lässt, als auch, träte man auf den Balkon, sich ein frühnebelverhangenes Gebirge dem Blicke darböte. Zunächst dringt allerdings ein Sondereinsatzkommando der Bundespolizei in die Nachbarwohnung ein und vernichtet einen verwaisten Wecker, der seit fünf Uhr dreissig pausenlos elektronisch läutet. Durch klafterdicken Beton, zwei in den Gehörgang eingeführte Schaumstoffpfropfen und einem zusätzlichen, zum Behufe der Schallisolierung auf meinem müden Haupte drapierten Kopfkissen bahnt sich das penetrante Piepsen — schier ungehindert — einen Weg in mein Gehirn. Das Gerät wird mit Hämmern und schweren Stiefeln ausgemerzt, ganz so wie es der Befehl vorsah. Vielen Dank, ich biete, mit einem reinseidenen, drachenmotivbestickten Morgenmantel bekleidet, feinste Pralinés an. Und die Beamten langen ordentlich zu. Mehr

Yippie Yippie Yeah

Ich hab mir eine Bude gemietet in einer heruntergekommenen Mietskaserne oberhalb des Hafens. Die Nachbarn sind ausschließlich junge Leute. Zu meiner Rechten, nach hinten raus, wohnen Deichkind in einer WG. Wenn die Popmusiker spät nach Hause kommen, gackern sie manchmal betrunken im Hausflur, da der Schlüssel nicht zu passen scheint. Wir grüßen uns im Treppenhaus und sind per Du. Linkerhand wohnt eine, die Jeanette heißt oder so ähnlich. Ich bin manchmal drüben bei ihr, dann quatschen wir ein bißchen. Sie trägt ein bedrucktes T-Shirt und keinen BH während sie ohne Unterlass putzt, die Teller spült oder Kochwäsche macht. Ich sitze dann am Küchentisch mit einer Flasche Bier und sie redet über Lebensmittel, daß der Einstellknopf an der Waschmaschine doof ist und hakt oder über die Charaktereigenschaften ihrer verschiedenen Liebhaber als wäre alles eins. Ich trete mit der Bierflasche an ihr frisch geputztes Küchenfenster und sehe wie zwei Schlepper einen großen weißen Ozeandampfer in den Hafen bugsieren auf dem die Urlauber an der Reling stehen und winken oder mit der Videokamera Aufnahmen machen. Wie könnte man wohl schöner das Prinzip der Vektoraddition veranschaulichen, denke ich mir, die kleinen, vor Kraft stampfenden Schlepper fahren nämlich, wenn man sie aufmerksam betrachtet, in leicht entgegengesetzte Richtungen. Hörst du mir überhaupt zu, sagt sie und tritt von hinten herbei. Ich so, klar höre ich dir zu und stelle dies durch ein treffliches Bonmot eindrücklich, mich dabei ihr halb zuwendend, unter Beweis und lasse noch einen Schluck des erfrischend prickelnden Bieres meine Kehle hinabrinnen.

Den Kapitalismus angreifen

Ms Mutter tanzt am Rand der Gleise oben am sonnenbeschienenen Bahndamm, getrieben von Hippiemusik aus dem Walkman. Sie wirft berauscht ihre Arme in die Höhe und wenn ein mit Atommüll beladener Güterzug kilometerlang vorbeirattert, flattern ihre Haare im Wind und sie wirft dem Lokführer Kußhände zu. Wir müssen schon um vier Uhr dreissig los — also krass früh — mit quietschenden Fahrrädern im Schutze der Dunkelheit und dennoch bange ob der Bullen. Angestrebtes Ziel ist ein Protestcamp inmitten von Raps und Maisfeldern. Nicht sortenrein zusammengemanschter und mangelhaft restentleerter Verpackungsmüll, der zu Technobeats in die matschig rotbraune Scholle getreten wurde. Ich bin nur hier weil ich weich bin, den Erwartungen der Clique gerecht zu werden trachte, insgeheim mag ich den Kapitalismus, endlos aus dem Hahn fließendes Heißwasser, ein akurat gefaltetes, idealerweise mit meinen Initialen oder dem Familienwappen schön besticktes, frisch und hart dem reinlichen Wäscheschranke entnommenes Handtuch; kurzlebige Waren im Überfluss, die neuesten Turnschuhe zum Beispiel, geliefert von jüngst aus dem Boden gestampften Produktionsstätten in den Urwäldern entfernter Erdteile (an der uns gegenüberliegenden Seite der Kugel). Ich wünschte, ich könnte meinem unbestimmten Weltschmerz vermittels einer Playstation greifbaren Ausdruck verleihen.
Großer Ärger indes um Ike Turner und David Bowie: die beiden abgehalfterten Popstars plauderten unter dem Einfluss von Kokain, in einer von Thomas Gottschalk moderierten Fernsehsendung, das Lösungswort des vom Berliner Kurier ausgerichteten großen Globalisierungs-Gewinnspiels aus.
An der Ferse meines rechten Fußes klafft eine viereckige Wunde begrenzt von vier Einstichstellen, der Biss einer Viper, die an einer mutagenen Gebissfehlstellung leidet offenbar.

Schwelbrand

In der ebenerdigen Aservatenkammer eines Puppentheaters ist ein Brand ausgebrochen. Daß bis heute noch kein Stoff entwickelt wurde, der Feuer löscht ohne zusätzlich zu zerstören sage ich zu K, den ich bei einer Party sitzend antreffe. An eine Alternative zu Wasser denke er auch ständig sagt K und reicht mir die Hand. Gegenüber, am geöffneten Fenster im ersten Stock, tanzt eine große Frau mit breitem Kreuz und schwarzem Haar zu den Klängen eines Kassettenrecorders. Sie hat ihre Handtasche auf die Fensterbrüstung gestellt. Jemand sagt das ist Disco, andere stimmen stumm nickend zu. Schritte man über das blankpolierte Kopfsteinpflaster die leicht abschüssige Straße hinab, so gelänge man zur Schleuse, wo die Dampfer tuten und Sportboote im Schaum der Schrauben umhergewirbelt werden daß den Athleten mau zumute wird.

Die Terroristin

Ich nahm ihre in einem Buchladen überraschend ausgesprochene Einladung zu einem Gesellschaftsspielabend — eine Art Filmquiz unter Zuhilfenahme eines DVD-Players — dankend und mit unverhohlener Vorfreude an, befestigte zu Hause eingetroffen sogleich den mir ausgehändigten gelben Selbstklebezettel mit der Adresse an der Kühlschranktüre. Mir war durchaus bewusst, daß sie eine von der Polizei händeringend gesuchte Topterroristin war, auf deren Ergreifung eine stattliche Belohnung ausgelobt worden war.

Triumph der Lust

Von der Küstenstraße kann ich einen besonderen silbernen Raumgleiter sehen. In den kurzen Momenten, wenn die kurvenreiche Fahrt den Blick freigibt weil die Baumwipfel sich lichten. Wie er dort nur schwebt, ohne vor und zurück. Drageeförmig, mit halbrunden Enden aus Glas. Darin üben — von hier — winzige Menschen eine Art von Kampfsport oder Tanz. Sie tragen gelbe, orangene oder rote Anzüge. Wobei die rote Farbe jenen Sportlern vorbehalten ist, die im Begriff sind den Grad der Meisterlichkeit zu erlangen, wie eine Stimme aus dem Off erklärt. Körper, die in dem träge dümpelnden Gefährt bald zum einen Ende, bald zum anderen wogen, wie die Wirkstoffkügelchen einer gigantischen Himmelstablette. Auf dem Rücksitz meines goldenen Cabriolets liegt flatternd ein Konvolut aus Buntstift-Zeichnungen, Mustern und flüchtigen Notizen auf Einkaufszetteln, gebrauchten Kuverts und so fort. Mehr

Die Ost-Westachse

Auf Nachfrage eines bekannten Weblogautors, dem ich zufällig auf einem Basketball-Spielfeld begegne, berichte ich von meinem epischen Roman, den zu schreiben ich bei unserem letzten Zusammentreffen andeutete. Mein Gegenüber trägt einen grünen Pullunder und eine Brille mit schmalem Horngestell. Es handelt sich um die Geschichte einer Architektenfamilie, deren schleppenden Zerfall und schließlichen Untergang der Roman in kühlem Realismus beschreibt. Ein großangelegtes Werk, an dem ich schon seit Jahren arbeite, es immer wieder verwerfe und von neuem beginne, steht nun vor der Vollendung. Die Klimax des Romans beinhaltet zugleich die unausweichliche, bereits ahnbare Katastrophe sage ich sybillinisch und zwinkere spaßenshalber mit dem linken Auge. Des Architekten Plan sieht vor, eine ganze Stadt radikal neu zu gestalten, großzügiger, luftiger und brutalistischem Futurismus verpflichet. Es gilt breite Verkehrs- und Sichtachsen durch eine fiktive gründerzeitliche Stadt zu schlagen. Den Direktiven des Architekten folgend, bedient man sich dabei gigantischer Abrissmaschinen. Schweres Gerät wie es ähnlich auch im Tagebau verwendet wird. Halbautomatisch fressen sich mit Schaufelrädern bewehrte Panzerfahrzeuge durch die unmoderne Bausubstanz. Beim Anblick der von Schwarzschimmel zerfressenen Arabesken an den morschen Fassaden versteift sich die Unterlippe des Architekten. Mehr

Alaskaparkas

Ein ergrautes Paar, deren hagere Körper in reichlich — mit dem Schriftzug Mountain Patrol oder Bärenmotiven beispielsweise — bestickten, kunstpelzverbrämten Joppen versinken; die Gesichter großporig, schwankenden Schrittes vowärtstastend wie Schmugglerdschunken im Sturm. Der durch großzügige Verwendung von Haarspray in die Vertikale gezwungene Bienenkorb hat Schlagseite, die Spitzen des hochgezwirbelten Schnurrbartes changieren ins Gelbe. Horst Herold tritt, eine Zigarette ansteckend, an die zum Garten führende Panzerglasscheibe seines Fertighauses; von hier fällt der Blick auf das vom Regen mürbe Laub, das sich am Erdwall sammelte. In höchsten Tönen singende Nadeln bilden die Lage auf endlos grünliniertem Papier ab. Ermittler auf den Fersen wissend, sitze ich in einem Nachtzugrestaurant, stütze meine Ellenbogen auf ein frisches, hartes Tischtuch, blicke über die Speisekarte auf den Rangierverkehr hinter der dieselrußigen Scheibe des im Bahnhof stehenden Zuges. Sie kennen Andreas Baader und Uschi Obermaier noch von früher her — aus der Zeit in Schwabing. Mehr

In der Dienststelle

Meinen Lohn verdiene ich mit dem Betrachten von geplanten Fernsehprogrammen. Die schlecht bezahlte Tätigkeit besteht darin, daß ich, die Sendungen betreffende Fragebögen ausfülle. Blicke ich, vom Fernsehen und Ankreuzen gelangweilt, aus dem Fenster meines Arbeitsraumes der im dritten Stock eines Vortstadthauses gelegen ist, so sehe ich das ältere Ehepaar aus der Einliegerwohnung im Erdgeschoß. An der Decke über mir summt und knackst eine bläulichweiße Neonröhre; die Räume sind, wie die Verwaltung angibt, aus technischen Gründen vollklimatisiert. Der Mann, den ich durch das Fenster beobachte, zerrt, mit seiner Frau lautlos streitend, einen schäbig gewordenen beigefarbenen Teppichboden auf die vor dem Haus gelegene Rasenfläche. Mehr

Wandschränke

In dem repräsentativen Institutsgebäude der Gründerzeit wartet eine Attraktion für zahlende Zuschauer, die im modern restaurierten, mit Skulpturen ausgestatteten Foyer Schlange stehen. An der Kasse wird immer nur kleinen Gruppen, von vielleicht fünf Menschen Zutritt gewährt. Lange Gänge durch schlauchartig gestreckte Laborräume — eine neonbeleuchtete Zimmerflucht. Die Wände sind fast ausnahmslos mit hellgrauen Wandschränken verkleidet. Wissenschaftler in weißen Kitteln arbeiten konzentriert an Mikroskopen und Computern oder schwenken nachdenklich Erlenmeyerkolben vor polarisierten Lichtquellen. Sie schenken den Besuchern keinerlei Beachtung. Unerwartet gelangen die, sich auf einem Rundgang wähnenden, Besucher plötzlich in einen, den Gang abschließenden Raum mit nur einer Tür. Mehr

Museum of Misshapes

Gut im Raum angeordnete Glasvitrinen präsentieren eine kleine Sammlung rarer Ausschußware. Objekte, die aufgrund von maschinellen Fehlern oder menschlichem Versagen vom Rest der Produktion abweichen und so, unverkäuflich, eine eigene Klasse der Ästhetik bilden. Der Kurator der Ausstellung bereist auch entlegene Teile der Welt, auf der Suche nach geeigneten Exponaten. Mit an Autismus grenzender Sicherheit scannt der Kurator, im Beisein insgeheim feixender Industriearbeiter, größere Container mit B-Ware, um manchmal nur ein einziges, sehr gutes Stück aus dem Meer des Unrats zu wählen. Von seiner Hand wird Abfall zu Kunst, zumeist verläuft die Suche allerdings ergebnislos. Mehr

Touristen

Ein, nach nächtlicher Zugfahrt erreichter, leicht morbider Badeort, wirkt ostblockhaft und zugleich bergig mediterran. Der Seesteg, auf den ich trete, um den Fahrplan zu lesen, entpuppt sich als eigenwillig geformte Barkasse; plötzlich startet das Gefährt zu führerlos ferngesteuerter Überfahrt. Am jenseitigen Ufer stehen Arbeiterquartiere auf einer hohen Düne am Seeufer. In einer Wohnung mit vielen Fenstern. Seeblick (recht sonnig), ein trostlos sandiger Spielplatz zur anderen Seite, und, eingeklemmt zwischen weiteren grauen Wohnanlagen, einige Fabrikhallen. Die Wohnung ist sparsam möbliert. In Hängeregalen eine Sammlung von Ferngläsern, Nachtsichtgeräten und Photoapparaten aus unterschiedlichen Epochen. Alles dunkel und matt; optische Armeeware. Mehr

Stadt, Land, Fluß

Mit einem Schlauchboot schicke ich mich an, die Wasseroberfläche eines einsamen Sees zu befahren. Zunächst gilt es, die Gummikammern des Gefährtes mit dem Mund auzufblasen. Es handelt sich um ein einfaches Modell in Gelb, wie man es Kindern zum Spielen gibt. Der Tiefgang ist, wie sich herausstellt, beträchtlich; ich gleite, äusserst vorsichtig rudernd, vorbei an steilen grünen Uferhängen. Auf dem Wasser schwimmen Blätter, Holzstücke und sehr kleine Eisschollen. Nach rechts biege ich in einen der zahlreichen Fjorde ein, die vom Zentrum des Gestades wegführen. Scheinbar wird die Wassertiefe geringer, aus tiefstem Schwarz wird Grau wird grünlich trübes Weiß. Zur Linken erscheint eine aus weißem Stein angelegte Insel, darauf eine Art Kapelle, erbaut im Stile eines Le Corbusier, recht kubisch und von strahlendem Weiß. Am Ufer steht, neben einem Tisch, ein Mann und bedeutet mir nachdrücklich winkend, ich möge in seine Richtung rudern. Bei dem Winkenden angelangt, an Land, lassen wir uns an dem Tisch nieder und spielen Stadt, Land, Fluß. Die erste Runde verläuft wie üblich. Nun bin ich an der Reihe, im Geiste das Alphabet zu repetieren. Einmal, zweimal, ach, endlos. Mein Mitspieler sagt nicht Stop, ich bin hier gefangen, es handelt sich um eine Falle. Durch das Kippfenster im Flur windet sich unterdessen linksdrehend eine Doppelhelix aus warmem Fischstäbchenfett und Volksmusik.

Ein sehr einfaches christliches Weltmodell

Durch das dürre Hinterland windet sich ein staubiger Weg hinauf zu einem, auf einer Anhöhe, nahe des Meeres, gelegenem Stauferkastell. Die den Herrschaftssitz begrenzenden arabischen Türme sind stets weithin sichtbar und scheinen in Folge eines optischen Phänomens oft über der rotbraun kargen Erde zu schweben. Die schattenlos Wandernden werden von einer goldenen Kutsche überholt, gezogen von mageren Eseln. Sobald das Ziel erreicht ist, der Fußgänger, noch ungläubig, seine Hände an das trutzige Gemäuer legt, umfängt ihn ein kühler Wind vom Atlantik her. Hinter den meterdicken Mauern verbergen sich angenehm kühlende Gärten aus tropischen Pflanzen und raffiniert plätschernde Wassersysteme. Ein wohlhabendes hanseatisches Handelsgeschlecht hat die Anlage gekauft und nach eigenen Vorstellungen erweitern lassen. Wie ein Keil aus Stahl und Glas treibt sich ein Neubau durch die Mauern und den schönen, in persischem Stile, gefliesten Hof — ein Einkaufszentrum, das nächtens illuminiert wird, wie ein modernes Seezeichen. Tief unter der Erde hat man einen unterirdischen Hafen errichten lassen, die Einkaufsmeile ist so, vermittels eines Fahrstuhls, für Yachtbesitzer behaglich zu erreichen. Hier, unter der Erde, in einem Untergeschoß auf Höhe des Meeresspiegels, steht ein vielleicht fünf auf fünf Meter messender gläserner Kubus, der eine höchst realistische Modelleisenbahnanlage enthält. Wo auch immer der Blick hinfällt, bewegen sich, neben zahlreichen Eisenbahnzügen, winzigste Details, wie Menschen die ihrem Tagwerk nachgehen, Maschinen und im Winde wogende Kornfelder. Mehr

Ich bekomme eine Schreibmaschine geschenkt

Aus unbekanntem Anlass bekomme ich ein sehr schweres, festlich verpacktes Paket geschenkt. Der schemenhafte Schenker lächelt wonnevoll in Vorfreude auf meine Reaktion. Ich ahne leider was kommen wird, sehe mich aber aus Höflichkeit genötigt, das Paket ostentativ langsam auszupacken. Eine alte, ölig riechende, gußeiserne Reiseschreibmaschine ist als überflüssiges Geschenk in Karton und Einwickelpapier verborgen. Die stählernen Tasten sind mit Lettern bezeichnet, welche in kleine runde Elfenbeinscheiben graviert und mit schwarzer Farbe kenntlich gemacht wurden. Ein altertümlicher Klotz ohne Funktion für einen modernen Menschen. Mehr

U-Boothafen

Mit einem Schneemobil auf nächtlicher Flucht in endlosem borealen Nadelwald. Eine rasende Irrfahrt durch labyrinthische Kiefernhaine mit ungewissem Ziel. Angeregt von Illustrationen in einem deutschen Kinderbuch der vierziger Jahre begebe ich mich tauchend in die Tiefen finsterer, sauerstoffarmer Gewässer, auf der Suche nach geheimen unterseeischen Häfen der deutschen Wehrmacht. Ein ausländischer Geheimdienst nimmt mich umgehend in Gefangenschaft. Später, während einer Fahrstuhlfahrt tief unter dem Meeresspiegel, Befreiung durch eine mysteriöse Doppelagentin vermittels Jiu Jitsu. Adolf Hitler arbeitet in einem kleinen kabuffartigen Nebengelass beim Schein einer schwachen Glimmlampe und möchte nicht gestört werden. Rings um die submarine Basis liegen in trübem Gestade zahllose U-Bootwracks auf dem Seeboden. Mehr

Windige Reisende

Ich dirigiere Rennwagen in rasender Fahrt durch kurvenreiche Straßen. Im Kamin verzehrt das Feuer sieben Buchenholzscheite. Das Spiel dient der Schulung meiner Geschicklichkeit, mein Auge ergötzt sich an der errechneten Anmut von Geschwindigkeit sowie dem Realismus der Texturen. Ich sitze an einem soliden Holztisch im Mansardenzimmer eines umwaldeten Berghotels. Summend lädt das Spielzeug weitere Eventualitäten in den Arbeitsspeicher. Das an frequentierter Handelsroute liegende Haus ist einfach möbliert aber gut geführt. Von unsichtbarer Dienerschaft werden stets neue Laken aufgelegt, frisch gestärkt und noch heiß von der Mangel. Mehr

Equipage von höchster Güte

Der Wagenlenker übergibt die Zügel an einen Knecht, unsere Kutsche hält an einem Gasthaus unweit eines Gebirgspasses. Jenseits eines breiten, tief bewaldeten Tales erhebt sich ein hoher Bergkegel. Weite Teile des zuckerhutartigen Berges sind mit besonnten, dichten Schneefeldern bedeckt, an besonders steilen Stellen, die dem Schnee keinen Halt bieten, zeigt sich der nackte Fels. An der windabgewandten Seite des fernen Gipfels schwebt eine lange weiße Wolkenfahne. Das Gestein ist mit den stählernen Pfeilern diverser elektrischer Liftanlagen gespickt. Zahllose bunte Punkte übersäen Schnee und Eis — Wintersportler in farbiger Funktionskleidung. Oben angelangt stürzen sich diese sogleich von den steilen Wänden des Berges, befinden sich für Sekunden mit ihren Skiern, Schlitten oder Snowboards im freien Fall, um dann sanft auf einem, den Bergfuß bildenden, weniger steilen Pulverschneekegel zu landen und dort ihre eigentliche, gleitende Talfahrt aufzunehmen. Mehr

Schilda Ausbau

In einer Hochhaussiedlung am Rande der Stadt wird ein neues Haus gebaut. Die Bauarbeiter haben mit der Fassade begonnen. Sie besteht aus schwarz oder rot lackierten Aluminiumblechen, die einzeln an Stahlseilen aufgehängt sind. Nach oben verlieren sich die Seile in einer dichten Wolkendecke. Sobald der Wind auffrischt, schlagen die Bleche gegeneinander und verursachen metallischen Lärm.
Die Bürger kochen nicht in ihren Küchen. Begründet liegt dies sowohl in materieller Not als auch an mangelnder Neigung. Als Maßnahme schickt der Staat Sozialarbeiter, die an den Türen klingeln und Ciabatta-Brote, Lauch und Nudeln bringen.

Rauchglas und Knautschlack

Ein Mobiltelefon mit unbekannter Menüstruktur. Khakifarbene Polstermöbel umstrichen von kühler Brise. Ich führe ein wichtiges Gespräch in einer geräumigen Hotellobby in Brasilia. Verspätung wird avisiert. Mit dem Expresslift in die zweiunddreißigste Etage, ein schöner Dachgarten mit Panoramablick. Weit unten glüht der Beton. Dunkle Frauen in bunten Bikinis servieren Longdrinks auf goldenen Tabletts. Easy Listening. Das Geheimnis des Getränkes sei der speziell gelagerte Rum und Ananassaft aus biologischem Anbau sagt einer. Ein Partylöwe. Lange dünne Haare, jahrhundertealte Haut und die gelbgrauen Augen eines Morphinisten. Die hagere Thresenkraft in der Videothek hat keine geeignete Verpackung für die entliehene Silberscheibe. Was bleibt ist eine Pizzaschachtel aus transparentem Kunststoff. Ausgehändigt mit Gleichmut und Spinnenfingern.

Cargohafen

Kühn geschwungene Streben aus Spannbeton bilden das Fundament einer modernen Gaststätte. Eisbecher und Streuselkuchen mit Schlagsahne. Den Hut lüften, die am Tisch versammelten Damen mit einem Handkuss begrüßen aus semiotischem Konservatismus. Durch die großzügig breite Glasfront fällt der Blick nach Norden. Flugzeuge kreuzen in fernster Ferne den nachmittäglichen Himmel. In der Grünanlage nahe des Hafens arbeitet ein Rasensprenger, seine raffinierte Steuermechanik getrieben vom Wasserdruck. Ein Schwall Wasser rinnt in regelmäßigen Abständen über die grünliche Haut der bronzenen Soldatenstatue, verdunstet rasch auf dem durch Sonne erhitzten Metall. Waren des Exports, gegen die salzige Luft mit schwarzen Plastiktüten geschützt, werden auf hölzerne Paletten gestapelt. Unsichtbare Arbeiter schieben konzentriert und zügig von allen Seiten Turnmatten, Teppichrollen und grobgehobelte Bohlen in die Enge des Containers. Mehr

In einer kleinen Stadt

Mintfarbene Säulen flankieren den Eingang der Kreissparkasse, giftgrüne Pflanzen in Hydrokultur hinter blau verspiegelten Fenstern, ein neues, zweistöckiges Haus inmitten von bröckelndem Fachwerk. Wir sind Punks, unterwegs, scheißegal wohin, mit prallen Plastiktüten voller Bierflaschen — lauwarm von der Tankstelle — die Haare mit billiger Seife gen Himmel gerichtet. Hier geht die kleine Stadt in weite Landschaft über, ein niedriges Mäuerchen, marodes Gestein mit bröckelndem Putz, überwuchert von den knorrigen Tentakeln wilden Efeus. Links, im Dickicht aus hohem, trockenem Gras, einige verwitterte Hütten, manche auf hölzernen Pfählen im Wasser der Bucht errichtet. Mehr

Die Strickjacke von O

Von den vielen Ladezyklen ist das Metall ganz blankgescheuert. O, ich und eine dritte wenig konturierte Person lagern auf einem LKW-Anhänger, der am Wendekreis Grünhofer Weg abgestellt ist. Da kommt Os Mutter, nimmt die graue Strickjacke an sich, das die hier nicht so rumfliegt. Später, der Schemenhafte mahnt zum Aufbruch. O vermisst ihre Strickjacke. Ich sage, deine Mutter hat sie mitgenommen. Ach so, sagt O, sicherlich hat sie die in den Volvo gelegt, mit dem wir nach Lissabon fahren. En passant ein Blick in die Souterrainwohnung, die füllige Rentnerin liegt hingegossen in ihrem Fernsehsessel, umspült von blauem Zwielicht. Im Sommer sitzt sie draussen auf der kleinen Hollywoodschaukel zusammen mit den Terrakotta-Gänsen im Kerzenschein, man vermag dem einfachen Leben bescheidenen Luxus abzutrotzen. Der Winter ist nichts.
Das verwilderte Eck, wir nehmen den schmalen Pfad, heute 14b. Mehr

Powered by Movable Type | XML