Hightatras:
Schlaf
Wandschränke
In dem repräsentativen Institutsgebäude der Gründerzeit wartet eine Attraktion für zahlende Zuschauer, die im modern restaurierten, mit Skulpturen ausgestatteten Foyer Schlange stehen. An der Kasse wird immer nur kleinen Gruppen, von vielleicht fünf Menschen Zutritt gewährt. Lange Gänge durch schlauchartig gestreckte Laborräume eine neonbeleuchtete Zimmerflucht. Die Wände sind fast ausnahmslos mit hellgrauen Wandschränken verkleidet. Wissenschaftler in weißen Kitteln arbeiten konzentriert an Mikroskopen und Computern oder schwenken nachdenklich Erlenmeyerkolben vor polarisierten Lichtquellen. Sie schenken den Besuchern keinerlei Beachtung. Unerwartet gelangen die, sich auf einem Rundgang wähnenden, Besucher plötzlich in einen, den Gang abschließenden Raum mit nur einer Tür.
Die hier arbeitenden Wissenschaftler unterbrechen nun ihre Tätigkeit um, Schrankschlüssel in die Hände nehmend, den Verblüfften zu bedeuten, sich genau wie die vorherigen Besuchergruppen in die Enge der Wandschränke zu begeben. Ein bereits zuvor zu vernehmendes Knistern, hervorgerufen von ebenfalls in den Schränken gelagerter Plastikfolie, in Bewegung versetzt, durch in dunkler Enge tastende Hände verzweifelter, früherer Besucher, wird von phantasiebegabteren Teilen der, jetzt noch wie paralysiert im Raume stehenden, Besuchergruppe zurecht als Indiz für eine unerfreuliche Wendung des populärwissenschaftlichen Nachmittags gewertet. Nachdem sich auch diese Gruppe von Wissenschaftsbegeisterten, nach anfänglichem Zögern, unter ächzen, benetzt von Angstschweiß in die ohnehin schon überbelegten, stickigen Schränke gezwängt hat, betätigt einer der, wie sich nun deutlich herauskristallisiert, Forschung nur vorgaukelnden Scharlatane einen in der Wand eingelassenen roten Knopf, der dem Kassenpersonal signalisiert zynisch lächelnd eine weitere Gruppe nichtsahnender Neugieriger vorzulassen.
16. August 2006