Hightatras:
Tierreich
Katzen-Gesamtkunstwerk
Der gestrige Sonntag war eine nahezu unfassbare multimediale Reizüberflutung im Leben des soeben eingetroffenen Gastkaters Peter. Die übliche Katzenbezugsperson begibt sich für Wochen, im Rahmen einer Lustreise, in ferne Länder. Draußen treibt der Sturm dunkle Wolken und Plastiktüten gen Osten, drinnen betätige ich mich als Hobbyrestaurator, und bearbeite mit einer höllenmaschinenhaften Heißluftpistole, sowie viel warmen Wassers eine alte Kommode, die vor Jahrzehnten der Aufbewahrung von Zahnarztwerkzeugen diente. Etliche Schichten Lack und wurmstichiges, mit zähem Knochenleim befestigtes, Mahagoni-Furnier gilt es zu entfernen. Der Kater hat im Flur Platz genommen, und beobachtet über Stunden mit geweiteten Pupillen das Handwerk. Zu Beginn, anfeuchten des Möbelstückes mit einem nassen Schwamm. Ganz leise summt die Feuchtigkeit aus den trockenen Poren des schadhaften Furniers. Der Schrank hat einen starken, sehr interessanten Eigengeruch nach Holz und ostigem Reinigungsmittel. Katzen sind, stärker als der Mensch, wertfrei in der Wahrnehmung von Gerüchen alles ist Information. Knisternd und Blasen werfend schmilzt der alte Leim im kochenden Luftstrom des rauschenden Gebläses. Mit höchst stoischer Ernsthaftigkeit und ausgeprägtem Doppelauge verfolgt der Kater alle Bewegungen, zuckt bei sehr lauten und plötzlichen Geräuschen schreckhaft zusammen; mitunter fliegen, unter mechanischer Einwirkung eines Spachtels, lange brenzlig riechende Holzspäne in den Flur. Ein sonntägliches Schauspiel, aufgenommen mit einer Mischung aus Angst, Neugier und unermüdlichem Enthusiasmus gepaart mit einer Spur Empörung über die Unergründlichkeit des Wahrgenommenen.
Später beim Aufräumen wird der Kater, beständig an allem schnuppernd, stets im Weg rumstehend und mir auf Schritt und Tritt folgend, zunehmend zu einer Belastung. Zum Glück erlahmt das Interesse bald, vor dem Schlafzimmerfenster wird eine weitere Katzensensation geboten. Der nachlassende Sturm hat ein, an der Fassade angebrachtes, Stück Plastikfolie gelöst, daß nun bei einzelnen Böen raschelnd in das Blickfeld des Fensterrechteckes gewirbelt wird und alsbald wieder verschwindet. Geduckt schleicht der Kater am Boden entlang und beobachtet, für die Plastikfolie hoffentlich unsichtbar, das Ereignis. Manchmal erscheint der Kunststofffetzen für Minuten nicht am Fenster, was die Vorfreude des Tieres ins Unermessliche steigert, ist es dann wieder soweit, richtet sich der Kater mit einem begeisterten Sprung am Heizkörper auf, um die mystische Luftschlange besser betrachten zu können. Ein Sprung aufs Fensterbrett wäre wünschenswert gewesen, ist aber leider nicht möglich, da meine Bekannte dort stachelige Sukkulenten kultiviert.
29. Mai 2006