Hightatras:
Umfeld
Abwicklung eines Maßnahmenpaketes
Der junge Arbeitslose neben mir berichtet seiner Atze was so los ist. Er lernt jetzt auf Snowboard. Reist dazu extra mit dem Automobil in die Nähe von Hamburg, ein kleiner Ort mit schwulem Namen, da sich dort eine preisgünstige Indoorskihalle befindet. Draussen neben der im Stau stehenden Straßenbahn schiebt sich Meter für Meter das Blasenkrebsmobil an den Seitenscheiben vorrüber. Abfahrt ist hammergeilet Feeling sag ich mal so. Der andere hat durchgeknufft das ganze Wochenende, soll man machen. Meine Reise führt mich in ein Fachgeschäft im Prenzlauer Berg, dem Szenebezirk, der im gesamten Bundesgebiet bekannt ist wie ein bunter Hund. Als ich noch meinen Einkauf begutachtend durch die Ladentüre aufs Trottoir trete, werde ich beinahe von einer schlingernden jungen Fahrradfahrerin erfasst, die einhändig lenkend, mit einem Coffee-to-go-Becher in der anderen Hand, ipodbedudelt und freitagtaschenbehängt mit einem rostigen Mountainbike um die Ecke biegt und den Beinaheunfall nichtbemerkend weiterquietscht. Der Klassiker. Mal abgesehen von den energischen Gruppen junger Mütter, die mit ihren Kinderwagen auf dem Bürgersteig vorrücken wie ein zu allem entschlossener Panzerverband vor Stalingrad.
Heute gehe ich mal quer über den Helmholtzplatz dachte ich so. Gesagt getan. In der kleinen Grünanlage hat man zu meiner Überraschung ein Häuschen aus Backstein zu einem Indoor-Buddelplatz mit angegliedertem Café umgebaut, das sehr gut angenommen wird. Vorne im Schaufenster wird gebuddelt, im Hintergrund erörtern junge Mütter bei Milchkaffee — ich kann sie nur sehen, vernehme jedoch nicht ihre Worte — vermutlich die üblichen postnatalen Topthemen. Indoor ist offenbar ein wichtiges Schlüsselwort für Dienstleistungen in Zeiten der Klimaveränderung. Der Mainstreamunternehmer wird wohl von einer globalen Erwärmung ausgehen und in Indoorskihallen investieren, andere hingegen rechnen mit dem Abreissen des Golfstroms und setzen folgerichtig auf Indoorbuddelplätze mit Milchkaffeeausschank. Nur einen Flaschenwurf entfernt lungern Trinker herum, die sich mit heiseren Stimmen gutturale Satzfragmente zubellen und gierig vortretenden Auges Spirituosen in ihre Schlünde schütten. Der Bankangestellte, der von mir mit der Abwicklung eines umfangreichen finanziellen Maßnahmenpaketes betraut wurde, trägt eine metallisch golden schimmernde Krawatte zu einem braunen Nadelstreifenanzug. Gesundbrunnen unten jetzt auch mit Heroin-to-go. Fahrgäste mit elfenbeinfarbenen Augen und bläulichem Teint. Noch so eine U-Bahnstrecke mit gefühlter Fahrzeit mal drei, kenn ich von früher. Berufsschule. Ich gehe Baumarkt. Komm ich so U-Bahn hoch. Wittenau, krass Nachwuchshustler an Start, MV euer Block schon klar, Cordon Lederjacke, Nike Airmax, Pitbull an Leine wuff wuff, tighter BMW Alter, Breitreifen hier so gegentreten, Butterfly meine Crew guck mich an Handy leuchtet blau, Rring Rring, er ist guter Junge, was los, Opfer, Hurensohn blabla.
19. Dezember 2006Wenn wir aus der Vorstadt schon mal im Ghetto vorbeischauen ...
Sagte Maggi am 19. Dezember 2006 um 23:44 Uhr