Hightatras:
Umfeld
Miniröcke und Rollschuhe
Ein junger Mann ist im Begriff seinen Lenkdrachen zu bändigen. Stürmischer Wind erhebt ihn immer wieder einige Meter in die Lüfte. Leuchtend fahle Felder im scharfen Schein der Sonne vor tintig blauschwarzem Himmel. Momente der Stärke im Kräftemessen mit dem Frühlingssturm nutzt der junge Mann um sich langsam breitbeinig rückwärts gehend einem kleinen Wagen mit Sitzgelegenheit zu nähern. Glückt die Annäherung, vor allem das Platz nehmen, so fährt der Athlet vom Winde getrieben auf dem Feld im Kreis. Special Interest, aber sympathisch. Unweit liegt die Scholle vom Landwirt aufgebrochen, märkischer Sand der zur agrarischen Nutzung bestimmt ist. Wenige Kilometer weiter stadteinwärts, im Bioladen. Hier begegnet einem mitnichten strotzendes Leben, von Vitalität durchdrungener Geist, vielmehr drücken sich Menschen mit verwachsenen Gliedern und bleichem Teint an den Regalreihen entlang. Kaufen überkandidelte Öle und haben Kinder mit verantwortungslosen Namen. In einer elektrischen Vitrine zu Eis erstarrte Leiber toter Hühner, aber Bio. Ich kaufe Sonnenblumenkerne. Aha, die kommen aus China. Wieso nicht aus Mecklenburg-Vorpommern? Werden die Anbauflächen dort für andere Zwecke gebraucht? Vielleicht wuchernde Grünpflanzen für die Biodieselproduktion, damit kann man sich in absehbarer Zeit eine goldene Nase verdienen. In Wirklichkeit wird Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg zur Wildniss, Orte der Verbannung.
Im Briefkasten die Berliner Morgenpost, man erhofft sich wohl mich auf diesem Wege für ein Abonnement gewinnen zu können. Es handelt sich um ein ausgemachtes Käseblatt, daß seine Seiten im wesentlichen mit umformuliertem Polizeibericht und heißen Freizeittips füllt. Einfach mal 'ne romantische Dampferfahrt unternehmen! Knorke, Balin ick steh uff dir. Hungerharke, schwangere Auster, das letzte Refugium für diesen Scheiss. »Anarchie in Neuköln«. Boulevard und Redakteure aus Tagen des kalten Krieges. »Insgesamt riecht der Roman etwas stark nach verblühter Lilie», das Feuilleton und diesmal Rassehunde-Spezial. Dem Endverbraucher wird die Aufgabe zuteil, dem bedruckten Papier doch noch Sinn abzutrotzen, also mal Fensterputzen, Kartoffeln schälen oder die Heizkörper streichen. Sollte ich einst Zeuge des Untergangs des Hauses Springer werden, so würde mich dies mit Genugtuung erfüllen. Nun etwas anderes. Bei dem Premium-Pils Ur-Krostitzer und Erdnußbutter der Marke Barneys Best (mit crunchy Erdnußstücken) handelt es sich um Ausnahmeprodukte. Waren die man nicht genug verherrlichen und in den höchsten Tönen preisen kann. Ich recherchier das mal lieber nicht, es erstrahle der Mythos in vollkommener Reinheit, ich will gar nicht wissen, daß die ihre Mitarbeiter sehr schlecht behandeln, Scientology gehören oder ähnliches. Jüngst erreichte mich ein Paket, der Bote hatte ganz große Turnschuhe an und sagte »Merci« am Schluß. In dem Pappkarton ein recht starkes Teleobjektiv, ich hatte es im Internet bestellt. Zack, Fenster auf, gleich mal ausprobieren. Die Bildqualität ist ziemlich gut, eine vorzügliche Erweiterung meines Auges, am Monitor sieht man die Wohnzimmermöbel einer Dachgeschoßwohnung der nächsten Parallelstraße. Sitzt da eine Leiche auf der Sitzgruppe? Lieber nicht so genau hinsehen. »Rear Window«. Hitchcock war ja bekanntlich einer der wenigen Regisseure, der es geschafft hat gute Filme ausschließlich im Studio zu produzieren. (Ja, »Panic Room«, aber Jodie Foster nervt.) Auch interessant: Das Drehbuch zu »Die Augen der Laura Mars« stammt von John Carpenter, der sollte ursprünglich auch Regie führen, hat er aber nicht. Wusste ich bislang nicht, außerdem dachte ich immer, der Regisseur wäre Brian De Palma gewesen. Verwechselt. Meinungen, Meinungen. Das wird ja immer schwerer lesbar hier! Mir egal, man muß sich auch mal anstrengen, wir sind hier nicht bei Pro7.
1. April 2006was ist denn die hungerharke? der funkturm?
Sagte sabine am 1. April 2006 um 14:39 UhrNein, nein das ist doch der "Lange Lulatsch" nicht zu verwechseln mit dem "Telespargel" im demokratischen Sektor! Die Hungerharke ist eine furchtbare Betonplastik am Platz der Luftbrücke, die an die Versorgung Berlins aus der Luft erinnern soll. Der Berliner liess sich bekanntlich auch zu Frontstadt-Hochzeiten sein Herz und Schnauze Naturell nicht austreiben. Verblieben ist dem Berliner die Schnauze.
Sagte Dr.No am 1. April 2006 um 14:58 UhrMehr zur offiziellen Volksmund-Diktion übrigens hier. Goldelse, Hohler Zahn, ach ja die Stachelschweine unvergessen wg. Pfitze.
Mensch, ick kieke, staune, wunder mir, wat is nur geworden aus meene Stadt! Hach, Harald Juhnke, Hildegard Knef all die großen Namen. (Kieken sich die Radieschen von unten an.)
In Ostberlin gab es rund um die 750-Jahr-Feier auch mal den Megatrend zum herzigen Beriiner Original (Eckensteher Nante, Zille-Stullekinder, Leierkastenelse usw.). Vielleicht in Ermangelung von interessanten zeitgenössischen Sympathieträgern. Das wirkte jedenfalls auch so aufgesetzt, genau wie diese überberlinerte Taxifahrer-Kolumne in der Morgenpost. Also weeste, nüscht für unjut, aba dit tu ick ma nich an.
Sagte sabine am 1. April 2006 um 17:42 UhrKasupke (der Taxifahrer) meent: Suschi und Indisch kannse mia mit jajen. Nüscht jeht üba eene jute Currywurscht. (Sinngemäß)
So wird scherzhaft das Thema Leitkultur für geistig behinderte Senioren aus Dahlem aufbereitet.
Wer wirklich authentisches, prolliges berlinerisch hören will, sollte sich Fil anhören oder -sehen. In den Didi&Stulle-Comics wird das noch hochgehalten, inklusive Akzentuierung wie im Französischen. "Faschtémané falsch" ...
Sagte Maggi am 1. April 2006 um 23:34 UhrJa genau. Oder mal nach Brandenburg fahren.
Sagte sabine am 2. April 2006 um 16:07 Uhr