Hightatras:
Umfeld
So, die Nummer 57 mit extra Mozarella, prego
Die Suche nach einer Gaststätte führt nach Westberlin. Ein ausgiebiger Fußmarsch durch einen gastronomisch unterversorgten Stadtbezirk. Eher Tiefkühlkost oder Dönerbuden hier. Die Odyssee findet schließlich ein Ende, als an einer stark frequentierten Kreuzung, Neonröhren in den Landesfarben Italiens eine Pizzeria bezeichnen. Man passiert eine Pforte, verlässt den schmutzig-grauen Wedding und überschreitet eine Grenze hinüber in ein mediterranes Schlemmerparadies, vorbei an romantischen Springbrunnen im Gartenbereich (z.Z. ausser Betrieb), in eine Westberliner Traditionspizzeria der ersten Generation. Diese einzigartige Melange aus mediterranem Kitsch und deutscher Gemütlichkeit, alles im Stil eines romantisch verfallenen Rusticos. Jede Pizza ein kleiner Adria-Urlaub. Das Restaurant ist einem idealen Fischerdorf nachempfunden, gegliedert in flache Galerien, niedrige Rundbögen und Lauben, die zu allem Überfluss noch mit Schindeln gedeckt sind. Die die Grenze der einzelnen Sitzgruppen bildenden Ballustraden, sind gänzlich aus Wagenrädern zusammengesetzt. Alle Wände sind mit Hunderten, vielleicht Tausenden, vom Meere rundgeschliffenen, Steinen überreichlich besetzt. In meiner direkten Sichtachse zur Toilette steht eine, von farbigen Scheinwerfern illuminierte, alte Milchkanne, die heute als Trockenblumenvase dient, ihr Äusseres, ist vollkommen mit Muscheln überkrustet.
Werfe ich meinen Blick gen Decke, so ragen mir stallaktitenhafte Gipstropfen entgegen, vom Abgas zahlloser HB- und Ernte 23-Zigaretten ins elfenbeinerne changierend. Direkt neben dem Tisch ist auf einem, aus der Wand kragenden, Gipsfelsen eine kleine dreidimensional übermooste Burg pittoresk zur Ruine verfallen. (Die Toteninsel im Eros-Ramazotti Remix.) Chiantiflaschen, und Meerestiere aus Gips sind allenthalben in die Wirtshauswände eingelassen. Über dem Tisch, an dem die BZ lesenden und rauchenden Kellner sitzen, windet sich eine bedrohliche Schlange aus der Wand. Ihr Emporkriechen an einer Säule ist seit Jahrzehnten in dieser Form erstarrt. Ein Sehnsuchtsemblem in Gips und Kunststoff, die Trauben, ein paradiesisches Labsal aus Plastik, unerreicht in alle Ewigkeit. Geradezu, hinter einem kleinen, in Stein gefasstem, Rundfenster, ist das erleuchtete Minidiorama einer italienischen Hafenstadt mit cyanfarbenem Himmel zu sehen.
Diese Form der Innenarchitektur ist in meinem persönlichen Westberlin-Frontstadterinnerungs-Ranking auf einem der vorderen Plätze. Ein Italokitsch-Gesamtkunstwerk, daß in die Liste des Unseco-Weltkulturerbes aufgenommen werden sollte.