Hightatras:

Der junge Mann bekommt schon

Die Welt ist mitunter nicht so organisiert wie es mir vorschwebt. Ob man mir wohl helfen könne, fragt eine junge Verkäuferin mit nagetierhafter Physiognomie mich forsch und mit antrainierter Munterkeit, sobald ich, mit vagen Kaufgelüsten schwanger gehend, an den Regalreihen der Sportabteilung eines führenden Kaufhauses entlangstreiche wie ein geschmeidiges Wildtier und ein Paar der zum Verkauf bereitgehaltenen Sportschuhe zögerlich prüfend in der Hand wiege. Ich verneine recht höflich und sie bleckt als Replik ihre bugsbunnyesken Schneidezähne. Ja, der Schuh sei ein sehr gutes Modell, also richtig top sage sie mal so, und zudem mit Gore-Tex ausgestattet. Allerdings würde selbst ein Blinder mit Krückstock, das, die Verwendung des atmungsaktiven Kunststoffgewebes bezeichnende Signet gewahren, welches schier unübersehbar an der Sohlenkante des Schuhwerkes prangt; somit wird meine Ahnung zu trauriger Gewissheit: die Worte der Fachverkäuferin sind nicht nur nutzlos, sondern zeugen auch von akuter Verblödung und einem hochgradig pervertierten Servicegedanken. Auch daß die Schuhe aus Herzogenauracher Provenience für schlanke Athletenfüße gearbeitet wurden, ist mir nicht neu. Es handelt sich vielmehr um einen alten Hut. Da pfeffer ich die Botten lieber gleich zurück ins Regal und strebe fluchtartig, sinnbildlich mit wehenden Rockschößen, gen Ausgang. Ich hasse Verkaufsgespräche. Das können sich jene Objektleiter, die ihre Angestellten zu penetranter Geschwätzigkeit drillen, getrost ausdrucken, mit dem Textmarker anstreichen und hinter den Spiegel stecken. Der Witz am Einzelhandel ist schließlich, daß ich die Waren persönlich in Augenschein nehmen kann; nicht – unter keinen Umständen – wünsche ich jedoch angesprochen zu werden. Beabsichtige ich allerdings einen Schuh anzuprobieren, so erwarte ich, daß umgehend dienstbare Geister lautlos um mich herum schwarwenzeln und sowohl schweigsam als auch ganz Ohr werdend, meine Direktiven entgegennehmen, gleichsam aufsaugen wie ein Haushaltsschwamm, namentlich mir die gewünschten Schuhkartons mit langem Arm und einem angedeuteten Knicks aushändigen und sodann, in botmäßigem Abstand, devot den Blick senkend, mit der Wand, respektive der Auslegware zu schemenhafter Undeutlichkeit verschmelzen wie ein stummes Chamäleon in der Winterstarre, bis ich ihnen eine weitere Schuhgröße zuraune, auf daß meinem Wunsch mit wieselhafter Geschäftigkeit und eifrigen Bücklingen entsprochen werde.

Mykorrhizapilze

Es ist recht windig. In manchen dieser schmalen Durchgänge unter den Hochäusern entstehen regelrechte Windkanäle und mit zweihundertsechzig Sachen fliegen Pappbecher und so Zeug an einem vorbei und wer nicht aufpasst dem wird der Hut fortgeweht. Nicht unweit üben häufig Jugendliche mit so überkrassen Emofrisuren Skateboardsprünge. Da ist neu asphaltiert, deswegen ist der Ort ein wenig reizvoll für die schlaffen Jungs. Man muss aber sagen, daß die Ausübung des Sportes keine Fortschritte macht soweit ich das beurteilen kann. Für mich ist die Passage des Windtunnels immer auch mit dem Klappern von auf den Asphalt fallenden Holzbrettern verbunden, einem Geräusch des Scheiterns, bislang sah ich noch keinen der Bengels einen Sprung mit Erfolg ausführen. Früher konnten die Kinder das besser. Sido und Tokio Hotel verblöden nicht nur, sie haben wohl zusätzlich auch einen überaus ungünstigen Einfluss auf die Motorik der Heranwachsenden.
In einem dienstlichen Gespräch konnte ich mich nachmittags unerwartet als Steinpilzkoryphäe positionieren, es ist nämlich so, daß Mykorrhizapilze nicht kultivierbar sind, da sie stets Kontakt zum Feinwurzelsystem von Laubbäumen suchen. Was keineswegs zur Allgemeinbildung zählt offenbar. (Es ging aber auch um minder interessante Themen wie Second Life.)
Dieses Möbelgeschäft, in dessen Geschäftsräumen stets der Fernsprecher versagt, weil alles mit gelbem Blech ummantelt ist, war heute fast ausschließlich von Schwulen, Ostlern und blutjungen Eltern in spe besucht. Werdende Väter tragen heutzutage Irokesenfrisuren und gestreifte Kapuzenpullis, das ist obligatorisch; schieben riesige Einkaufswagen durch die Gänge und die schwangere Freundin packt ganz viel Plunder und Kitsch ein für die erste gemeinsame Bude. Widerstand ist zwecklos, aber das wissen die selbst.
Höchst förmlich – und abstoßend auch finde ich den Versuch mich überall zu duzen. Die Kunden zurechtweisen wollen und dabei so schleimig duzen, ey. Mit so blöden Schildern, aber das ist den ihren Firmenphilosophie aus den siebzigern. Hallo, hier spricht Dein Einkaufswagen. Nichts habe ich übrigens gegen Hinweisschilder, welche strikte Anweisungen in kasernenhofhafter Sprache recht autoritär präsentieren. Oder so wie in Österreich.
Immerhin habe ich diesmal keine Energiesparlampen gekauft. Weil ich schon die größte Energiesparlampensammlung Europas habe, besteht kein Bedarf. Um ehrlich zu sein gefällt mir da garnichts, alles scheiße gestaltet und von blinden beinamputierten indischen Mädchen zusammengeschustert mutmaßlich. Hier: Ikea fuck off, ey. Neben den Kassenschlangen hatte der militärisch-industrielle Komplex mannshohe Kisten abgestellt, gefüllt mit Gummisandalen in geschmacklosen Farben. Gummisandalen, das ist doch was für so Fetishfreaks – oder Ostler eben, die Waren stets dann kaufen, wenn sie angeboten werden und nicht wenn sie benötigt werden – es handelt sich um ein genetisch bedingtes Phänomen, der Mann schiebt den Wagen sukzessive voran, hin zu den barcodelesepistolenbewehrten Kassenkräften und die Frau sagt so Fürnjarten, zack eingepackt, in orange, so funktioniert das. Ungnädig, wegen Kopfschmerzen – sicher dünstet der ganz Ramsch reichlich Formaldehyd aus und die Menschen müssen alle an Krebs sterben. Hauptsache die Bonzen können fette Zigarren rauchen, so läuft nämlich der Hase. Ich bin für die Revolution und daß das alles mit Sprengstoff in die Luft gejagt wird.

Kontextsensitive Werbung

Manchmal stelle ich mir Fragen, die ich kurzzeitig berechtigt aber auch etwas befremdlich finde: Was macht eigentlich ein landesweit operierender Telefondienstleister, sollte das ihn bewerbende Model mal vom Auto überfahren werden oder beim Fensterputzen höchst unglücklich in eine Glasscheibe stürzen? Hat die noch 'ne Zwillingsschwester?
Ich fuhr nämlich am gestrigen Abend mit der Stadtbahn an einer werblichen Maßnahme vorüber. Ein steinernes Tor, welches sich über einen sehr schönen – wenn nicht gar den schönsten – Westberliner Prachtboulevard spannt, wird, da zur Zeit Wartungsarbeiten an der wohl vom Zahn der Zeit marode gewordenen Bausubstanz durchgeführt werden, von einer farbig bedruckten Plane umhüllt, welche ein sich plakativ verführerisch räkelndes Keyvisual vorstellt – eine überlebensgroß, geradezu godzillahaft in den Nachthimmel ragende Blondine, um deren ranken Leib eine bald jugendstilartig flatternde rote Schärpe drapiert wurde und die vermittels weiblicher Reize, den zwischen ihren recht langen und schlank geformten Beinen durchrasenden Kraftfahrern, ein Komplettpaket, bestehend aus Telefonie und schier unbegrenztem Zugang zu einem modernen Computernetzwerk schmackhaft zu machen trachtet. Pikanterweise buhlen nun aber auch am Fuße des Tores – beiderseits der recht frequentierten Fahrbahn – vergleichsweise zwergenhaft anmutende Prostituierte ihrerseits, mit weitaus weniger gigantischen, wenn auch realen Mitteln um die Gunst hormonell entsprechend eingestellter Fahrzeugführer.

Die Früchte eines aggressiven Portfolios

Breitcord, Cashmere, Maserati Concept Cars, Lounge Chairs von Eames und geflammtes Nußbaumholz, bitteschön: mein Haus, mein Boot. Die Schläfen werden grau und ich fokussiere mich zunehmend auf die Perfektionierung meines Golfabschlags. Genieße in kultivierter Gesellschaft (internationaler Jetset) einen trockenen Martini auf meiner Dachterrasse über dem Luganer See und trage dabei legere Wildlederslipper sowie eine geschmackvolle Armbanduhr von Patek Philippe. Als letzter Sproß einer Hochbegabtenfamilie verzehre ich das Vermögen mit Müßiggang und schreibe unter klangvollem Pseudonym gelegentlich romantische Liebesromane, die die Frauen verschlingen.

Ausverkauf

Seit langem mal wieder die Schwelle eines Buchladens überschritten. Ein schmalbrüstiges Sortiment und Feng-Shui-Desaster aus Paletten, Grabbeltischen und Harry Potter bis zur Decke von der ein unsichtbares Damoklesschwert baumelt, ein Hattori Hanzō in dessen Klinge das Wort Amazon graviert ist. Kein einziges Buch, dessen Erscheinungsdatum länger als zweidrei Jahre zurückliegt, schäbige Verschenkbücher und pastellgeblümtgoldgeprägter bestselling Paperbacktrash. Ich will aber auch Filzer in schwarz und dunkelgrau eigentlich.

Portobetrug: Kavaliersdelikt oder organisiertes Verbrechen?

Hab ich neulich diverse Bücher bestellt im Internet, antiquarisch müssen Sie wissen. Der Versand sollte vier Euro kommen. So, nun handelt es sich aber tatsächlich um eine Büchersendung: macht einsvierzich. Diese Info entnahm ich mit Bestürzung dem an der Sendung befestigten Postwertzeichen. Verdien' ja diese Brüder mehr dran als wie an der Ware selbst. Da lehm die von, unzwa nicht schlecht!

Gastronomie und Hundescheiße

Männer, die das Glas affig am Stiel ergreifen und deren schmale Lippen und Mundpartien nachdem sie einen Schluck des weißes Weines nahmen von fiebrig überdrüssigem Mienenspiel umhuscht werden. Man schätzt die materielle Welt prinzipiell sehr, jedoch entspringt ihr nunmehr nur noch wenig Freude. Blütenweisse Tischtücher sind über die auf dem Bürgersteig aufgebaute Tafel gebreitet, St. Pellegrino wird in polierten Eiskübeln aus Edelstahl serviert. Man stochert in gebratenem Fisch und bellt sich über den Tisch scherzhafte und männerbündlerische Satzfetzen zu. Jetzt ist aber die Gastsstätte an befahrener Ausfallsstraße gelegen, in großer Anzahl sausen Kraftfahrzeuge vorrüber, welche eine ohrenbetäubende Lärmkulisse und nicht zuletzt reichlich schädliche Auspuffgase erzeugen. Nun, wer hier einkehrt verfügt selbst über einen schwarz lackierten Wagen renommierter Marke, welcher ebenso guttural zu röhren vermag mit einer stattlichen Anzahl von Zylindern unter der Haube. Selbst daß sich keine anderthalb bis zwei Meter entfernt in der Baumscheibe einer ob der Umwelteinflüsse verhärmten Linde diverse Hunde erleichterten und sich die Atemluft merklich mit dem Geruch von Stuhl vermischt vermag die Stimmung nicht erkennbar zu trüben. Charlottenburg übrigens. Der Reiz liegt im Sozialen, Männer die Designerjeans, das Paar à 300 Euro, die gleichen legeren Jackets sowie hellblaue, auf den Leib geschnittene Hemden tragen und aus dem selben Holz geschnitzt zu sein scheinen bei einem opulenten Mahle zu treffen, begleitet von schweigsamen jüngeren Freundinnen, darin besteht das Leben des Philanthropen, der den Kellner mit nachlässig ausgeführter und herablassender Geste herbeiwinkt. Am gleichen Abend flaniere ich aber zufällig auch noch durch jene Straße Berlins, die sowohl das Hauptquartier der Zahnarztkammer beherbergt, als auch jenes mehrstöckige Haus, in dem Alfred Wegner, der Vater der Kontinentaldrifttheorie, einige Jahre seines Lebens verbrachte und in dessen Hochparterre heute eine Mietpartei in einem Wintergarten zahlreiche Terrarien aufgestellt hat, an deren gläsernen Wänden sich Geckos und Warane emportasten. Dort, ebenfalls hinter Glas, sitzt Rücken an Rücken ein offenkundig reptophiles Ehepaar versunken in Bildschirmarbeit, während kleine Saugfüsse ihre Grenzen erkunden und die Stadtautobahn leise rauscht wie ein mittelgroßer Wasserfall. Mehr

Einfach mal mit Caramba beigehen

Ja dahamwa die für 18,95 und hier die für 35, müsstense sesich ansonzen mal an den Kollegen wenden an unsan Servicepoint sagt die junge Frau, deren Antlitz von Sternenstaub überpudert zu sein scheint, welche ich in der Gartenscherenstraße anspreche mit einer recht speziellen, ihr Fachwissen übersteigenden Frage. Der Mann schleudert umständlich seine rechte Hand von sich, auf Augenhöhe, spreizt Daumen und Zeigefinger, daß man die Gelenke knacken zu hören vermeint, schiebt nervös die aus Horn gearbeitete Brille zurück auf ihren angestammten Platz im Zenith des Nasenflügels. So, sie können die Ware nicht liefern, aha, er hat sich ein wenig in Rage geredet und schlägt mit der Hand auf ein, mit verschiedenen, der Schriftfarbe nach zu urteilen auch zeitlich auseinanderliegenden, Notizen versehenen, Prospekt, der die diversen Farbnuancen eines Produktes vorstellt, vornehmlich Pastellfarben, es dreht sich wohl um eine Swimmingpoolabdeckung oder so. Wir befinden uns am Informationsschalter eines großen Gartencenters, ich trat an den Tresen da ich gedenke mich nach dem Korrosionsverhalten der Schneide einer zum Kauf ins Auge gefassten Gartenschere zu erkundigen. Ja, gibt die Zentrale raus, da könn wir nichtsmachen, sagt der Mann hinter dem Schalter, ich sag ihnen nur das was hier im Rechner steht. In einer Aktentasche, welche nahe den sommerlich durchbrochenen Wildlederschuhen des Fragestellers herumlungert, befindet sich, nun sichtbar werdend, ein in Klarsichtfolie geschlagenes Buch, welches unter unabsichtlicher menschlicher Einwirkung, durch fortwährende Knüffe und Püffe ein wenig nach vorne, dem Lichte entgegen rutschte. Der Schutzumschlag des Bandes wird von einem ausdrucksstarken photographischen Wolfsportrait in schwarzweiß und dem in altertümlicher Scriptschrift scharlachrot gesetzten Titel, Wolfsblut von Jack London, bestimmt. Eine verblüffende Koinzidenz, trug doch ein in die rote Griffschale der Gartenschere reliefartig eingelassener, schön stilisierter Wolfskopf nicht unerheblich zu meiner, zu diesem Zeitpunkt noch nicht gänzlich unerschütterlichen, Kaufentscheidung bei. Mehr

Totenkopfmotive

Im übrigen ist die Sommermode der Unterschicht von einer Art dekorativem Todeskult geprägt. Kinderrucksäcke mit Totenkopfmotiven. Leichte Blusen für Bürokräfte und Hausfrauen, mit Pailletten in Totenkopfform bestickt. Man trägt das jetzt so.

Five thumbs up for 100% freshness

Dieses Citybike und dieser Freizeitanzug sagen beiden zu. In grundlegenden Fragen schlägt das Herz auf einer Wellenlänge. Mit jener reflektorbewehrten Lenkertasche in sportlicher Optik liebäugelte sie bereits seit längerem, nun schaffte er ein Paar an. Das der Partner das gleiche Produkt präferiert, erfüllt das Herz mit wärmster Zuneigung. Hoppla, das Weekend ist da, runter vom Sofa und rauf auf's Bike. Alle Zeichen stehen auf Action! Shake deinen booty Baby, wer fresh ist, shaped jetzt seinen Body outdoor und zwar right now. Bauch, Beine, Po — ich bin dabei, und Sie?

Herr No kauft eine Hose

Wünschen Sie eine Tüte fragt die Kassiererin, genaugenommen ihre Assistentin, deren Aufgabe es ist, die verkauften Kleidungsstücke einzupacken. Man trägt wieder figurbetont dieses Jahr. Sie hat einen stattlichen Speckring um die Hüften, der zu gleichen Teilen unter dem Oberteil und aus dem Bund der Hüfthose hervorquillt. Kunden, die mit Karte zahlten werden namentlich verabschiedet und manisch angelächelt. Das bizarre Lächeln eines Cyborgs — halb Maschine halb Rauschegoldengel. Scheinbar sind alle Beschäftigten des Modehauses in Wirklichkeit Avatare bei Second Life, das ist nur sone Art Nebenjob hier. Es ist absurd, selbst für den Herrn wird soviel Überkandideltes angeboten. Als hätte man Vivienne Westwood — während sich diese von einer schweren Grippe erholte — gebeten, DDR-Jugendmode in ihrem Sinne zu überarbeiten. Mehr

Guter Bürger, böser Bürger

Gestern habe ich mal wieder festgestellt, daß die Tage länger werden. Eigentlich machen sie das ja kontinuierlich im Februar. Die Tage. Das Längerwerden. Allerdings ist die Hoffnung und Freude diesmal etwas getrübt, da der rasch später einsetzende Sonnenuntergang ein Indiz dafür ist, wie granatenartig die Zeit an mir vorbeipfeift. Geht wohl anderen auch so gerade. A hätte sicher ein einfaches Modell parat, irgendwas mit Sternkonstellationen. Häuser, Transite — solch Zeug.
Hektik paart sich mit zäher Ereignislosigkeit; das Einkaufen wird zum Tageshighlight. Im Blickfeld ein moderater Berg von kleinen papierartigen Problemen, die zwar alle unglaublich trivial und langweilig sind, aber trotzdem lästig im Weg rumlungern. Probleme, die man alle mit Geld beheben könnte damit Ruhe wäre, die ich gerne mit recht arroganter Geste mit Geldscheinen — einem dicken Bündel aus der Hosentasche entnommen — bezahlen und lösen würde. Wie besticht man eigentlich deutsche Beamte? Welche Summen sind angemessen? Oder schickt man besser einen Profi, der zunächst den kleinen Finger der linken Hand abhackt?

Wattestäbchen

Nicht in den Gehörgang einführen. Ein Verbraucherhinweis. Was soll man denn sonst mit diesem Produkt machen außer es in den Gehörgang einzuführen? Frauen fällt vielleicht mehr ein. In die Toilette werfen. Nicht! Hmm. Tomatensaft. Nicht trinken. Mobiltelefon. Nicht telefonieren. Schadensersatzforderungen wegen Trommelfelldurchstoß. Klärwerk vs. Luxana.
Bei routinemäßigen Reinigungsarbeiten fand ich Teile eines Blattes, welches wohl für die beim Kauen entstandenen leichten Knistergeräusche im rechten Ohr verantwortlich war. Rätselhaft sowas.

Holz P*ssling

Braun, dunkelgrün und orange gestrichen ist die Betonbrücke, die sich am Südufer schneckenförmig in die Höhe windet um sich dann mit kühnem Schwung über den Kanal und die Stadtautobahn zu spannen. Am Scheitelpunkt der Fußgängerbrücke öffnet sich der Blick weit auf Westberliner Kernland. In majestätischer Scherenschnitthaftigkeit prangt die Rudolf-Wissel-Brücke vor westlichem Abendhimmel. Oben kreist ein schwarzer Schreitvogel. Ein Gemälde von Caspar David Friedrich mit marginalen Schönheitsflecken. Der Fruchthof, die Justizvollzugsanstalt auf halb drei. Am Fuße der nördlichen Betonschnecke erstreckt sich die Kleingartenanlage Heimat. Stolz flattert die Bundesfahne im Sturmwind, einige der Lauben sind im Westernstil gehalten und haben in der Regel direkten Blick auf die Bundesautobahn 100 oder die startenden und landenden Maschinen des Flughafens Tegel. Am Heckerdamm, den es zu überqueren gilt, liegt in westlicher Sichtachse der phallische Wasserturm des Jungfernheideparks, an dessen See der Vater von A einst einen Tretbootverleih betrieb. Manche der Wasserfahrzeuge waren vermittels modellierten Kunstharzes wie Schwäne oder Fabelwesen geformt. Von hier ist auch bereits das Ziel des Ausfluges zum Greifen nah. Eine Fassade in gelb und grün, ganz im Stile des Neo-Brutalismus errichtet, die Verkaufsaustellung der Firma Holz P*ssling. Mehr

Morbides Marketing

Gestern fand ich einen Kalender vom unweit ansässigen Schlachter im Briefkasten. Jeder Monat des kommenden Jahres mit neuen fettglänzenden Fleischbrocken und Knochenfragmenten bebildert. Zwar ohne erkennbaren saisonalen Bezug, dafür aber durchgehend vierfarbig. Achtkantig wanderte das mit Hautgout behaftete Machwerk in einen bereitstehenden Wertstoffbehälter. Fröhlichere, das Leben bejahende Sujets zur Illustration seiner werblichen Maßnahmen lehnt der mit proteinreichen Leichenteilen Handelnde also ab, setzt mehr aus verknöcherter Tradition als aus Vernunft auf seine schaurig ausgeleuchteten Wurststillleben. Dabei werben andere Einzelhändler längst erfolgreich mit flauschigen Kaninchen an Osterglocken, Weidenkörben, aus denen die allerdrolligsten Kätzchen lugen oder lasziv auf Kraftfahrzeugen lagernden Frauen in frivoler Badegarderobe — oder gar so wie der Herr sie schuf.

Latha

Wir schließen, kommen Sie bitte zur Kasse, fordert mich die Kassiererin, die ihre Pudelfrisur jetzt rot getönt hat, im Bariton lispelnd auf. Und ich lispele unwillkürlich zurück, ohne mich über sie lustig machen zu wollen. Hat sie aber nicht gemerkt vermutlich. William S. Burroughs hat dieses Phänomen mal als Latha bezeichnet, glaube ich jedenfalls. Latha bezeichnet laut Burroughs das phasenweise auftretende manische Verlangen andere Menschen nachzuäffen. Und dann kommt ja das Ei. Zweimal die falsche PIN eingegeben — angeblich — Karte nicht lesbar, Fehler. Das gibts doch nicht. So EC-Karten sind ja auch son Thema, sagt sie und setzt die expressiv geformte Brille ab, die sogleich von einer Brillenkette aufgefangen wird. Es entspinnt sich ein kleines Gespräch, der sich auch die Kassiererin der Nachbarkasse anschließt, die ebenfalls ein Lied davon singen kann. Fazit: Watt soll man machen. Der neue Mitarbeiter, eine Art ergrauter, cheesy Hemden tragender Magnum — der mir einmal, an der Kasse, zwischen Kaugummis, herabgesetzten Tütensuppen der verflossenen Saison und 360GB-Firewireplatten sitzend, anvertraute, daß er die Kollegen der Käsetheke, welche die Barcodeetiketten über die scharfe Bruchkante eines Stückes Parmigiano beispielsweise kleben oder anderweitig zur maschinellen Unlesbarkeit zerknittern gerne erschießen würde — macht heute glücklicherweise Ware.

Big Jim und Barbie kaufen ein

Wenn Produkte in geschlechtsspezifischen Ausformungen angeboten werden, sind diese fast immer in verschiedener Hinsicht doof. Dies stelle ich regelmäßig zum Beispiel beim Kauf von Laufschuhen fest, oder aktuell beim Anblick von im Handel feilgehaltenen Sportuhren. Digitaluhren für den Herrn weisen eine immer blödsinniger werdende Vielzahl von Funktionen auf, die über die reine Zeitmessung hinausgehen. Dieses mehrkönnen (GPS, Thermometer, e-mail) manifestiert sich zudem — trotz Mikroelektronik — in recht klobig kantigen Gehäusen nebst breiten Armbändern in khaki oder anthrazit. Sportuhren für die Dame verfügen lediglich über Basisfunktionalitäten (nur Zeitmessung) haben ein kleineres, organischeres Gehäuse mit schmalem Armband, sorgen also für ein optisch schlankes Handgelenk und sollen durch zumeist bonbonfarbene Gestaltungselemente emotional ansprechen. Apricot, bleu keine Ahnung wie das alles heißt. Die Modelle für die Dame sind bis 50 Meter wasserdicht, das vergleichbare Herrenmodell natürlich bis mindestens 100 Meter. Gibts die auch bis 150 Meter? Mal googlen. Mehr

Eine Karriere in der Immobilienbranche

Ein überaus nichtiges Problem in den Dimensionen des Universums. Galaxien enstehen, Sterne vergehen, Arten kommen aus dem Staub und sterben aber mir fällt vor Ärger zunächst immerhin eine Plombe aus dem Zahn. In seiner Besessenheit durch Dämonen begab sich ein ehemaliger Geschäftspartner auf Abwege, die ein Mann nie beschreiten sollte. Gedanklich entsteht ein Szenario in dem weiße Krawatten, Limousinen mit dunkelgetönten Scheiben, tadellos geschnittene, anthrazitfarbene Kammgarnanzüge, ein Seesteg im Morgendunst sowie eine Betonmischmaschine, letztere als wohl wichtigstes Requisit, eine Rolle spielen. Oder vielleicht ein Leben hinter schwedischen Gardinen für den gefallenen Geschäftspartner, der sich im dortigen Sanitärbereich recht oft nach der Seife bücken muss, als günstigstes Ergebnis langwieriger, formalrechtlicher Verhandlung? Rachsucht ist albern. Möglicherweise reicht die Gewissheit, daß nach langem, von Habgier induziertem, Siechtum eine Wiedergeburt als E.Coli-Bakterie im Kühlkreislauf eines ukrainischen Kernkraftwerks ansteht.

Kennst Du die Früchte deiner Heimat?

Heute präsentiert sich das Wetter einmal frühsommerlich, der zartblaue Himmel reichlich bestückt mit gemächlich ostwärts strebenden Cumuluswolken. Meditativ arythmisches Ploppen kraftvoll beschleunigter Tennisbälle bestimmt im lauschigen Stadion (ich berichtete) die Atmosphäre. In der McPaperramschbude mit angegliedertem Postamt, wird am benachbartem Schalter ein massiger Neger bedient, der mit kringeliger Schrift adressierte Couverts zum Versand einreicht. Im Rahmen des Verkaufsgespräches deutet der Herr auf die Briefmarken und macht offenbar einen Witz. Leider schallt just in diesem Momente verstärkter Kfz-Lärm zur Türe herein, so daß die Posse für mich rein akustisch schwer zu vernehmen ist. Die Schalterkraft indess, die die scherzhaften Worte hörte, kann gedanklich nicht folgen oder ihr gebricht es am geeigneten Sinn für Humor. Es war wohl ein recht guter Witz, dem Scherzenden selbst, steht der Schalk nachhaltig ins Gesicht geschrieben, auch später noch, als er in seiner Geldbörse nach passenden Münzen für die Postwertzeichen sucht, umspielt ein Schmunzeln seine Lippen. Manchmal ist die Welt eben noch nicht bereit für einen Spitzenwitz. Da kann man nichts machen. Mehr

Schreckschraube

In der Kassenschlange vor mir wird der Kassenbon angezweifelt. Das Kopfrechenwunder, eine schnepfenhafte Kundin, deren Einkaufswagen berstend mit schlechten Nahrungsmitteln gefüllt ist, meint den circa zwanzig Zentimeter langen Kassenbon in wenigen Sekunden korrekt addieren zu können. Und beschwert sich umgehend und wortreich zeternd bei dem höchst sympathischen Kassierer, der stoisch, vermittels eines Taschenrechners, den Gegenbeweis antritt. Die Zweiflerin sieht ganz schön etepetete aus in ihrem bescheuerten Salz-und-Pfeffer-Blazer, und blickt die enerviert hinter ihr Wartenden halb trotzig, halb irre an. Das ist mein gutes Recht, denkt sie. Mehr

Grauenhafte Musik hat einen Namen

Manchmal höre ich mir tagsüber Radiosendungen an. Leider werden da auch immer solche Lieder gespielt, die geeignet sind mir länger anhaltend den Tag zu vergällen, wenn ich nicht mit einem Sprung zum Rundfunkempfänger den sich ankündigenden Darbietungen des Schreckens rasch ein Ende bereiten kann. Mitunter erhebe ich mich sogar aus der Badewanne um Schaden vorzubeugen. Zu geißeln sind insbesondere folgende Interpreten: Xavier Naidoo mit seinem verschmockten Gejammer, das Duo Rosenstolz mit ihren emotional so unglaublich anrührenden, nachdenklich stimmenden Balladen und natürlich die betagten Krautrocknervensägen von den Toten Hosen. Diese drei schlagen im nationalen Negativ-Vergleich selbst Jeanette Biedermann, Dieter Bohlen und Scooter, da letztere nicht den Anspruch erheben mich mit den zweifelhaften Essenzen ihrer Lebenserfahrung missionieren zu wollen, die machen einfach nur richtig beschissene Musik, reicht doch.

Schlimm sowas!

Einfach mal durchkalkuliert diese Vogelgrippe. Hundertdausend Tote heisst negative Performance von zwei Prozent per anno für das BIP, zuzüglich käm das die Krankenkassen, den Beitragszahler, SIE! fünfundzwanzig Milliarden Piepen. Das schlimmste ist, die Toten könnten dann nichts mehr kaufen (Binnennachfrage: Gut Nacht). Jetzt mal ehrlich: Also dieses H5N1 rechnet sich für uns ja garnich!

Beim Uhrmacher

Die Batterie meiner Armbanduhr ist leer, es erscheinen keine Zahlen mehr auf dem Display. Eines der wenigen verbliebenen Fachgeschäfte ist ein Uhrmacher. In die Scheibe des Geschäftes wurde vermittels Sandstrahl oder Flußsäure der Name des Uhrmachermeisters gegraben. Genau genommen negativ, die Scheibe ist milchig trüb, lediglich die Buchstaben aus transparentem Glas erlauben Einblick in die Ladenräume. Meine Reparatur kann sofort ausgeführt werden, der Inhaber bedeutet mir in einem der zwei senffarbenen Sessel Platz zu nehmen. Er hat erstaunlich große, prankenhafte Hände, nimmt meine Uhr entgegen und begibt sich in verborgene Hinterräume, seine Werkstatt.
Gläserne Vitrinen gefüllt mit allen erdenklichen Arten von Zeitmessern. An den Wänden Hängeuhren, auf dem hellbraunen Ofen in der Ecke diverse Uhren, wie sie wohl früher auf den Buffets des Gelsenkirchener Barocks thronten. Verkauf und Sammlung, aus »chronographiler« Sicht wertvoller Stücke, halten sich die Waage. Verblichene Tapeten sowie abgetretene beigegraue Teppiche als Boden des Handwerks. Mir gegenüber, wenn ich den Blick aus meinem Fauteuil nach oben werfe, im zentralen Blickpunkt an der Wand, der Meisterbrief, daneben ein gerahmtes Plakat. Eine Illustration zeigt einen Uhrmacher in zunftartiger Tracht, versunken in die miniaturhafte Mechanik eines Uhrwerks. Darunter der Satz »Ihn wird die Maschine nie ersetzen«. Eine Darstellung aus einer Zeit in der das Handwerk auch von staatlicher Seite glorifiziert wurde. Romantischer Optimismus und die Ausrichtung von Visionen auf die Ewigkeit. Der Druck ist an den Rändern von Gilb befallen, am Boden des Glasrahmens haben sich einige verstorbene Kerbtiere gesammelt. Mehr

Zichorienkaffee und Kleingebäck

Gerade eben habe ich mir in der Küche ein schönes Mohnbrötchen mit Käse zurechtgemacht. Der Teig des Gebäckes ist gerade recht so, eher klitschig als knusprig. Lassen Sie mich ein wenig ausholen.
Wir waren mitten im leidvollen Steckrübenwinter, als ich meine damalige Haushälterin Marga anwies, eine mir lieb gewesene, schön gearbeitete Rokokokommode für ein wenig Mehl zu versetzen. Weihnachten rückte näher und mein hagerer Körper lechzte mit allen seinen Fasern nach süßem Gebäck, mehr noch erfüllte mich die Vorstellung eine schöne, besinnliche Weihnachtsfeier, für die wenigen mir nahe stehenden auszurichten. Ich erinnere mich noch wie heute an den von Neuschnee überstäubten, kristallklaren Samstagmorgen als Marga und mein treues Faktotum Gustav, der das, mir aus dem Herzen gerissene, Möbelstück auf seine starken Schultern gewuchtet hatte, zusammen mit all den anderen ausgemergelten Städtern, den ersten Hamsterzug bestiegen, der raus auf die Dörfer fuhr. Mehr

Gangster-Rap, Musik für Fantatrinker

Es geht um einfache Menschen, die es vorgeblich durch windige Geschäfte und musikalische Neigung zu einigem Vermögen gebracht haben. Große, alles bestimmende Sorge sind gerissene Frauen, die es auf das Geld der Neureichen abgesehen haben sowie die stümperhaft üble Nachrede natterhafter Neider im künstlerischen Bereich. Die Brüste der zumeist im Hintergrund agierenden Schauspielerinnen sind vermittels Kunststoff zu stattlicher Größe aufgeplustert. Alle hier zur Schau gestellten Objekte sind Waren der Superlative. Pfeilschnelle Sportwagen, Hubschrauber, kostbare Pelze, moderne Immobilien mit Schwimmbecken. Selbst der wenig figurbetonte Trainingsanzug des Künstlers entstammt der gehobenen Preisklasse. Den Star flankierende Männer, mutmaßlich Bandenmitglieder, machen Miene in Konfliktsituationen kein Pardon zu kennen. Mehr

Weihnachtskalender für Katzen

Ab heute neu im Handel. Aussen ist der Karton mit Jungtieren in drolligen Weihnachtsmannkostümen bedruckt. Goldig! Hinter den gestanzten Türchen durch Trocknen haltbar gemachte Fleischmasse in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Auf der Rückseite sind alle Inhalte minuziös aufgeführt. Die Überraschung bleibt gewahrt, da die flauschigen Beschenkten ja nicht lesen können. Meines Erachtens ist das Interesse für vorweihnachtliches Brauchtum bei den Tieren allerding sehr gering ausgeprägt, zumindest was das kontinuierliche Öffnen kleiner Fächer angeht. Mit den Krallen die Verpackung zerfetzen und das herausfallende Trockenfutter ganz schnell, auf einmal aufzuessen ist vielleicht noch ganz interessant für höchstens fünf Minuten. Optional gibt es das ganze auch für Hunde. Die interessiert das vermutlich überhaupt nicht. Nicht die Bohne. Die Gewerbetreibenden schielen in erster Linie auf den spontanen Kaufimpuls des Heimtierliebhabers. Man möchte schließlich dem Tier auch mal was Schönes gönnen —zum Fest.

Vom Samen zu Staub (Ein Bericht aus der Produktion)

Ich bin ein Kern, zu meiner Form gebildet im Schutze des Gehäuses. Unter meinem Mantel in jeder Zelle die Information, die mich zur Ware prädestiniert. Wasser, Nährstoffe und Energie vorausgesetzt werde ich zu stattlicher Größe reifen. Rot, vom süßen Saft durchdrungen wird das feste Gewebe meiner Früchte sein. Meine Attribute decken sich mit den Ansprüchen der Verbraucher. Die Leitung der Produktionsstätte hat mich vorausschauend zu dem gemacht was ich bin: perfektes Saatgut mit einer Keimwahrscheinlichkeit von 92%. Mehr

Klimakatastrophe mit gratinierten Champignons

Aufgrund einer Situation waren lästige bürokratischen Formalitäten an einem ungastlichen Ort zu bewältigen, später im strömenden Endzeitregen einen Abstecher zu dem an der Autobahn gelegenem Einrichtungshaus gemacht, um dem Spätnachmittag doch noch ein wenig Sinn abzutrotzen. Das Ziel, der Kauf einer flachen Auflaufform, da ich gerade ein Rezept für gratinierte Champignons in Weißweinsauce optimiere und mir von verbessertem Zubehör einiges verspreche. Als Fußgänger, auf dem Weg zu dem gelben Einkaufsbunker, vorbei am McDo*nalds Autoschalter, durch das Gewerbegebiet, fühle ich mich etwas wie der, von Rutger Hauer verkörperte, Hauptdarsteller in »Split Second«. Mehr

Der Spargelschälweltmeister empfiehlt

Gegenüber das Unterbewusstsein beeinflussender oder gar Lifestyle transportierender, psychologisch raffiniert vorgehender Reklame wähne ich mich relativ resistent. Mehr empfänglich bin ich offenbar für primitive Werbebotschaften wie aus Zeiten der industriellen Revolution. Jedenfalls habe ich heute einen Spargelschäler gekauft auf dessen Umverpackung damit geworben wird, daß der amtierende Spargelschälweltmeister das Küchenutensil empfiehlt, mutmaßlich selber mit dem beworbenen Spezialmesser seinen Rekord aufstellte. Eine Fotografie zeigt den Meister seiner Disziplin, stolz ein Bündel des in einzigartiger Zeit geschälten Stangengemüses präsentierend.

Ich weiss was Du letzten Sonnabend gekauft hast

In der neuen Stadtbücherei wird der Diskretionsabstand an der Ausleihe ziemlich lax gehandhabt, in der alten Bibliothek gab es sogar einen durch Absperrbänder gebildeten Gang um die Warteschlange zu disziplinieren ferner eine weiße Linie auf dem Boden. Vortreten nur nach Aufforderung. Manches war dort anders, insgesamt mehr klebegebundene Bücher sowie kleine Genre-Etiketten auf dem Buchrücken, z.B. »Frauen«, »Krimi«, »Pferde« aber auch »Jüdisches Schicksal«.
Das die Bibliotheksleitung auf die Privatsphäre der Leser bedacht ist, finde ich verständlich, vielleicht folgt man dort auch der Direktive des Datenschutzbeauftragten. Mittlerweile ist das ja in Deutschland fast überall so üblich, ausser vielleicht an der Imbissbude oder im Supermarkt. Mehr

50% mehr Kraftzufuhr

Es hat angefangen zu nieseln. Den Drogeriemarkt habe ich aufgesucht, um eine Zahnbürste zu kaufen und Shampoo, mal sehen. Ähnlich wie bei Turnschuhen ist der Markt der Pflegeprodukte stark diversifiziert. Das Haarwaschmittel, was ich noch vor einem Jahr kaufte, wurde verdrängt durch neue überkandidelte Produkte mit den Wirkstoffen von Kokos, Papaya und Mango, allerdings konnte die »Kraftzufuhr« für das Haar im vergangenen Jahr um 50% gesteigert werden. Zuwachsraten, die für andere Bereiche trotz weltwirtschaftlicher »Belebungstendenzen« gänzlich unrealistisch, unerreichbar sind. Das Geschäft ist von beengenden Regalreihen bestimmt, auf begrenztem Raum muss die gesamte große Sortimentsbreite, der rasant expandierenden Kette, –dem Tiger unter den Drogeriemärkten, präsentiert werden. Mehr

Duroplaste als List gegen das Verbrechen verärgern den Verbraucher

Einem Bedarf folgend, bestellte ich im Internet, ein den Ablauf meiner Arbeit mutmaßlich verbesserndes Kleinteil. Das Warten auf die Sendung fand heute ein Ende, ein mit stiller Verachtung arbeitender Bote händigte mir das ersehnte Päckchen aus. Nachdem das, das eigentliche Produkt ummantelnde Pappkuvert erbrochen war, sah ich mich, mit einem mir schon geläufigen Problem konfrontiert, wurde ich doch einer wiederum in eine Sichtverpackung eingeschweissten Schatulle, welche das Produkt birgt, gewahr. Dieses mir verhasste Verpackungsmaterial entzieht sich der Bearbeitung mit den meisten, in einem guten Haushalte vorhandenen Werkzeugen. Seine Eigenschaft ist recht zäh, transparent und scharfkantig. Mehr

Ode an den Einzelhandel

Der dem Gemüsegeschäft vorstehende, glutäugige Grieche hat sich kürzlich hier niedergelassen. An der Oliven und Käse kühlend-präsentierenden Vitrine setzt der Inhaber zu einem längeren Vortrag über die Vorzüge seiner Oliven an. Ich habe mich bereits entschieden, und düpiere ihn damit ein wenig. Er will nicht nur seine Waren verkaufen, sondern möchte auch sicher gehen, daß der Käufer alle ihm bekannten Vorzüge der Ware auch wahrnimmt. Das ewige Problem des Fachmannes mit dem laienhaften Klienten. Mehr

In der Kaufhalle

Früchte, Getränke, Brot und Milchprodukte. In dieser Reihenfolge nehme ich die Waren aus den Regalen um sie in meinen kleinen plastenen Korb zu legen. Das Volumen des Korbes stellt genau die Menge dar, die mein guter Wanderrucksack zu fassen vermag. Die Entscheidung gegen den Wagen geschieht also aus praktischen Erwägungen, manchmal mangelt es mir aber auch zusätzlich an der erforderlichen Münze, die es ermöglicht die stählerne Kette des Wagens zu lösen. Vor allem Erwerb steht allerdings die Rückgabe des Leergutes an den im Eingangsbereich angebrachten Flaschenautomaten. Verblüffenderweise erkennt der Apparat, dank raffinierter Steuer- und Regeltechnik, auch Teilmengen. Auf den hier im Windfang gestapelten Blumenerdesäcken lagert, bei widriger Witterung, ein ausländischer, fliegender Zigarettenhändler. Wir kennen und grüßen uns recht freundlich, obwohl ich dem Manne als Nichtraucher bekannt bin, wohl nie eines seiner unrechtmäßigen Päckchen erstehen werde. Mehr

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