Hightatras:


Warenwelt

Beim Uhrmacher

Die Batterie meiner Armbanduhr ist leer, es erscheinen keine Zahlen mehr auf dem Display. Eines der wenigen verbliebenen Fachgeschäfte ist ein Uhrmacher. In die Scheibe des Geschäftes wurde vermittels Sandstrahl oder Flußsäure der Name des Uhrmachermeisters gegraben. Genau genommen negativ, die Scheibe ist milchig trüb, lediglich die Buchstaben aus transparentem Glas erlauben Einblick in die Ladenräume. Meine Reparatur kann sofort ausgeführt werden, der Inhaber bedeutet mir in einem der zwei senffarbenen Sessel Platz zu nehmen. Er hat erstaunlich große, prankenhafte Hände, nimmt meine Uhr entgegen und begibt sich in verborgene Hinterräume, seine Werkstatt.
Gläserne Vitrinen gefüllt mit allen erdenklichen Arten von Zeitmessern. An den Wänden Hängeuhren, auf dem hellbraunen Ofen in der Ecke diverse Uhren, wie sie wohl früher auf den Buffets des Gelsenkirchener Barocks thronten. Verkauf und Sammlung, aus »chronographiler« Sicht wertvoller Stücke, halten sich die Waage. Verblichene Tapeten sowie abgetretene beigegraue Teppiche als Boden des Handwerks. Mir gegenüber, wenn ich den Blick aus meinem Fauteuil nach oben werfe, im zentralen Blickpunkt an der Wand, der Meisterbrief, daneben ein gerahmtes Plakat. Eine Illustration zeigt einen Uhrmacher in zunftartiger Tracht, versunken in die miniaturhafte Mechanik eines Uhrwerks. Darunter der Satz »Ihn wird die Maschine nie ersetzen«. Eine Darstellung aus einer Zeit in der das Handwerk auch von staatlicher Seite glorifiziert wurde. Romantischer Optimismus und die Ausrichtung von Visionen auf die Ewigkeit. Der Druck ist an den Rändern von Gilb befallen, am Boden des Glasrahmens haben sich einige verstorbene Kerbtiere gesammelt.

Wird es Uhrmacher ewig geben, selbst wenn Zeit in dieser Form weiter gemessen wird? Das Brot des Uhrmacherhandwerks ist natürlich die Arbeit am filigranen Räderwerk der analogen Uhr. Meine asisatische Uhr aus Kunsstoff, die er gerade nebenan repariert, möglicherweise schon ein Indiz für den Untergang des feinmechanischen Gewerbes. Batterie wechseln lassen oder wegschmeißen, die beiden Optionen des Verbrauchers bei Versagen. Das Zahnrad geht, der Microchip ist da. Fast jedes Elektrogerät zeigt heute die Zeit an ohne eine Uhr zu sein. Vielschichtig überlagert sich das Ticken der unzähligen Uhren, aus der Tickfrequenz und Tonhöhe ergeben sich höchst komplexe Rhythmen. Hektische Tenor-Armbanduhren, sonor getragenes Ticken brauner Wanduhren. Es naht die volle Stunde. Die Ecke der Wanduhren mit den schwarzen Gewichten kündigt durch zartes Kettenrasseln an was kommen wird. Ein vielstimmiges Scheppern, Klingeln und Läuten, bald hell wie Glöckchen, bald dumpf und atonal ratternd, bleierne Tannenzapfen versinken tief im dunklen Korpus einer Standuhr, ein kleines Türchen öffnet sich und ein hölzerner Vogel hebt zum künstlichen Schrei an. So fertig, der Uhrmacher ist wieder da, legt meine Uhr auf ein mit Filz bezogenes Tablett, schiebt es quer über die gläserne Verkaufstheke. Macht sechs Euro.

4. Februar 2006
Kommentare:

Schöne kleine Geschichte zu später Stunde.

Meinte picea am 7. Februar 2006 um 23:51 Uhr










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