Hightatras:


Warenwelt

Gastronomie und Hundescheiße

Männer, die das Glas affig am Stiel ergreifen und deren schmale Lippen und Mundpartien nachdem sie einen Schluck des weißes Weines nahmen von fiebrig überdrüssigem Mienenspiel umhuscht werden. Man schätzt die materielle Welt prinzipiell sehr, jedoch entspringt ihr nunmehr nur noch wenig Freude. Blütenweisse Tischtücher sind über die auf dem Bürgersteig aufgebaute Tafel gebreitet, St. Pellegrino wird in polierten Eiskübeln aus Edelstahl serviert. Man stochert in gebratenem Fisch und bellt sich über den Tisch scherzhafte und männerbündlerische Satzfetzen zu. Jetzt ist aber die Gastsstätte an befahrener Ausfallsstraße gelegen, in großer Anzahl sausen Kraftfahrzeuge vorrüber, welche eine ohrenbetäubende Lärmkulisse und nicht zuletzt reichlich schädliche Auspuffgase erzeugen. Nun, wer hier einkehrt verfügt selbst über einen schwarz lackierten Wagen renommierter Marke, welcher ebenso guttural zu röhren vermag mit einer stattlichen Anzahl von Zylindern unter der Haube. Selbst daß sich keine anderthalb bis zwei Meter entfernt in der Baumscheibe einer ob der Umwelteinflüsse verhärmten Linde diverse Hunde erleichterten und sich die Atemluft merklich mit dem Geruch von Stuhl vermischt vermag die Stimmung nicht erkennbar zu trüben. Charlottenburg übrigens. Der Reiz liegt im Sozialen, Männer die Designerjeans, das Paar à 300 Euro, die gleichen legeren Jackets sowie hellblaue, auf den Leib geschnittene Hemden tragen und aus dem selben Holz geschnitzt zu sein scheinen bei einem opulenten Mahle zu treffen, begleitet von schweigsamen jüngeren Freundinnen, darin besteht das Leben des Philanthropen, der den Kellner mit nachlässig ausgeführter und herablassender Geste herbeiwinkt. Am gleichen Abend flaniere ich aber zufällig auch noch durch jene Straße Berlins, die sowohl das Hauptquartier der Zahnarztkammer beherbergt, als auch jenes mehrstöckige Haus, in dem Alfred Wegner, der Vater der Kontinentaldrifttheorie, einige Jahre seines Lebens verbrachte und in dessen Hochparterre heute eine Mietpartei in einem Wintergarten zahlreiche Terrarien aufgestellt hat, an deren gläsernen Wänden sich Geckos und Warane emportasten. Dort, ebenfalls hinter Glas, sitzt Rücken an Rücken ein offenkundig reptophiles Ehepaar versunken in Bildschirmarbeit, während kleine Saugfüsse ihre Grenzen erkunden und die Stadtautobahn leise rauscht wie ein mittelgroßer Wasserfall.

In anderen Stadtbezirken, deren Namen hier nichts zur Sache tun, mieten findige Gastronome feuchte und düstere Ladenräume an, die für ordentlichen Handel nicht geeignet sind, beispielsweise für ein gutes Eisenwarengeschäft (wegen Rost!), stellen wacklige und minderwertige Möbel in die Gaststube und im Nu geben sich Kunstschaffende, heiße Chicks sowie die tollsten Partylöwen der Stadt die Klinke in die Hand. Graffitikünstler aus Mailand, Techno-Djs aus New York sowie StudentInnen der Theaterwissenschaften oder der transmedialen Computerkünste, die es einst aus Schaumburg-Lippe hierher verschlug. Wem die Fortune zuteil wurde auf einem der höchst begehrten Barhocker Platz nehmen zu dürfen, dem schaben die minderbegünstigten Gäste aus Ärger und Missgunst fortwährend energisch am Po entlang vermittels riesiger Freitag-Taschen. Mit zipfeligen Frisuren, Palästinensertüchern und Pilotensonnenbrillen nach der neuesten Mode gekleidet, stehen die meisten Gäste zwischen Kothaufen und vermodernden Sofas auf dem Bürgersteig vor der Bar mit Selbstbedienung und aus der Schankstube erschallt dumpf ein kraftvoller Beat. So, Becks drei fuffzisch. Bitte benutzen sie auch die Abfallcontainer und jene dort abgelegten Bauabsperrungen als Sitzgelegenheiten. Selbstverständlich: Berlin ist eben nie ganz fertig und erfindet sich ständig neu, das ist bekanntlich das Tolle an der flippigen Partymetropole inmitten von märkischem Sand. Hast Du auch gerade ein Filmprojekt zu laufen? Welche Meinung bildetest Du dir über Amy Winehouse? Dies ist nun gerade das Problem: wenn ich mir z.B. in einer Speisegasstätte ein sehr gutes, dampfendes Reigericht servieren lasse, vielleicht ein Halbliterglas frisches Pilsener Bier dazu und einzig die Gespräche des Nachbartisches sind schon dazu angetan mir den Genuss an der Kost erheblich zu vergällen — wenn nicht gerade der Wirt dankenswerterweise die Hifianlage recht laut einstellte. Welch große Gnade demnächst in ein Land reisen zu dürfen dessen Sprache ich überhaupt nicht verstehe. Fast ausschließlich Ausländer, die für mich bedeutungslos herumzwitschern.

15. August 2007
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