Hightatras:


Warenwelt

In der Kaufhalle

Früchte, Getränke, Brot und Milchprodukte. In dieser Reihenfolge nehme ich die Waren aus den Regalen um sie in meinen kleinen plastenen Korb zu legen. Das Volumen des Korbes stellt genau die Menge dar, die mein guter Wanderrucksack zu fassen vermag. Die Entscheidung gegen den Wagen geschieht also aus praktischen Erwägungen, manchmal mangelt es mir aber auch zusätzlich an der erforderlichen Münze, die es ermöglicht die stählerne Kette des Wagens zu lösen. Vor allem Erwerb steht allerdings die Rückgabe des Leergutes an den im Eingangsbereich angebrachten Flaschenautomaten. Verblüffenderweise erkennt der Apparat, dank raffinierter Steuer- und Regeltechnik, auch Teilmengen. Auf den hier im Windfang gestapelten Blumenerdesäcken lagert, bei widriger Witterung, ein ausländischer, fliegender Zigarettenhändler. Wir kennen und grüßen uns recht freundlich, obwohl ich dem Manne als Nichtraucher bekannt bin, wohl nie eines seiner unrechtmäßigen Päckchen erstehen werde.

In den Verkaufsräumen. Der Deutsche ißt zu wenig Gemüse, aufgrund geringer Nachfrage sind hier die Früchte oft schon verdorben. Insbesondere Tomaten (Solanum lycopersicum), die Königin der Nachtschattengewächse, ist bisweilen schon vom Schimmel überpelzt. Bei den äusserlich makellosen Exemplaren erfolgt der Verdruß beim Verzehr, ein skrupelloses Agrarkartell hat über Jahrzehnte dem Gemüse durch schlechtes Wirtschaften den Wohlgeschmack ausgetrieben.
Manchmal stelle ich meinen roten Korb auf dem Fußboden ab, um von einem entfernten Regal ein mir plötzlich in den Sinn kommendes Produkt zu holen. Ganz im Geiste den Küchenplan für die kommenden Tage durchspielend, vergesse ich mitunter wo ich meine bislang gewählten Waren liess. Es gilt dann, Contenance zu wahren, und scheinbar zielstrebig den Laden zu durchmessen, dabei rasche Blicke in die Regalfluchten werfend auf der Suche nach dem Warenkorb.
Manche der hier ausgestellten Nahrungsmittel sind mit kleinen Papierschildern als »Waren aus unserer Region« gekennzeichnet. Die Marketingabteilung liess diese Hinweise in Hinblick auf die in der DDR aufgewachsenen anbringen. Man hofft auf landsmannschaftlich motivierte Kaufentscheidungen. Einige der derart gekennzeichnten Waren haben solch Maßnahme allerdings nötig, fettverschleierte Gläser, die blasse Fleischteile in zweifelhafter, gallertartiger Masse enthalten. Auch findet man unweit ein thematisches Regal, daß Waren aus der früheren Sowjetunion feilhält.
In regelmäßigen Abständen weisen Lautsprecherdurchsagen auf Angebote der Woche hin. Ein Mann und eine Frau sprechen im Duett kurze hörspielartig inszenierte Dialoge, die Waren betreffend. Leider ist insbesondere der männliche Teil der beiden Darsteller sehr schlecht, er betont seine Sätze oft falsch, und schadet damit, durch sein stümperhaftes Tun, der Handelskette.

22. Mai 2005
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