Hightatras:


Warenwelt

Ode an den Einzelhandel

Der dem Gemüsegeschäft vorstehende, glutäugige Grieche hat sich kürzlich hier niedergelassen. An der Oliven und Käse kühlend-präsentierenden Vitrine setzt der Inhaber zu einem längeren Vortrag über die Vorzüge seiner Oliven an. Ich habe mich bereits entschieden, und düpiere ihn damit ein wenig. Er will nicht nur seine Waren verkaufen, sondern möchte auch sicher gehen, daß der Käufer alle ihm bekannten Vorzüge der Ware auch wahrnimmt. Das ewige Problem des Fachmannes mit dem laienhaften Klienten.

Sein Kapital ist das gute frische Gemüse, mit kundigem Auge auf dem Großmarkt, aus der Masse der minderwertigen Ware erwählt. Dies zeichnet den fähigen Einzelhändler aus, somit kann er bestehen in der Welt der großen Handelsketten. Der, mit einem charakterstarken Kopf und einem gut gestutzten Barte ausgesstattete, Geschäftsmann ist natürlich auch darauf bedacht sozialen Kontakt herzustellen und mich als Stammkunden zu gewinnen. Einerseits liegt es ihm im Blute, andererseits ist dies ein weiterer Trumpf gegenüber der Phalanx der anonymen Supermärkte. Sein Plan scheint aufzugehen, er konnte expandieren und betreibt im selben Hause nun auch einen Kiosk mit Spätverkauf, eine weitere Marktlücke im strukturschwachen Viertel ausfüllend. Dort kann der Kunde auch zu nächtlicher Stunde Periodika Zeitungen, Getränke und Rauchwaren kaufen, bei einer wortkargen Ostdeutschen, die hier eine Anstellung gefunden hat.

23. Mai 2005
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