Hightatras:
Warenwelt
Vom Samen zu Staub (Ein Bericht aus der Produktion)
Ich bin ein Kern, zu meiner Form gebildet im Schutze des Gehäuses. Unter meinem Mantel in jeder Zelle die Information, die mich zur Ware prädestiniert. Wasser, Nährstoffe und Energie vorausgesetzt werde ich zu stattlicher Größe reifen. Rot, vom süßen Saft durchdrungen wird das feste Gewebe meiner Früchte sein. Meine Attribute decken sich mit den Ansprüchen der Verbraucher. Die Leitung der Produktionsstätte hat mich vorausschauend zu dem gemacht was ich bin: perfektes Saatgut mit einer Keimwahrscheinlichkeit von 92%.
Ausgebracht in das humide Dunkel des Bodens, vom Wasser aufgebrochen mich meiner angestammten Umgebung hingebend, dem Licht entgegenteilend. Jetzt kann ich die bislang nur erahnte Strahlung schon fühlen, nur noch Tage bis ich in neuer Form, mich weiter verzweigend in die Welt trete. Gelbgrün, ein Keimling noch, die Scholle durchbrechend, nun in alle Richtungen strebend, eine Pflanze bildend die auch dem Winde trotzen kann. Erster Regen im Lenz und die Sonne, schneidender als erwartet. Witterung formt mich zur Stärke auf dem Weg zum Firmament. Jugend fällt von mir ab, es gilt eine Rinde zu formen, die dem Unbill widersteht. Verzweigen, verzweigen, Blätter bilden. Ah, ich wachse, hier ist mein Platz auf diesem Planeten, festgeschrieben im ewigen Plan. Mein starker Wuchs findet Gnade vor der Qualitätskontrolle, ich werde für die Produktion ausgewählt. Ich bin soweit, knospend nun mein Astwerk, eins werden mit dem Licht vorwärts zu meiner Bestimmung. Himmel ohne Wolken, faseriger Bodennebel vom Licht zerstoben, heute werden sich meine Knospen öffnen. Neu, Zartrosa, zum Stamme hin gesättigter meine vielen Blüten, chromatischer Magnet für die zahllosen nun erwachenden Insekten in der durchsonnten, noch kühlen Luft. An meinem Stamme nördlicherseits drückt sich noch ein kleines Schneefeld herum. Nachtfrost, eine bitterkalte Mondnacht. Der Produktionsleiter erteilt die Weisung die Beregnungsanlage einzuschalten. Eine eisige Hülle wie aus Glas sichert die Ernte. Menschliche Technik. Jetzt alle Energie in die Frucht, Strahlen, Nährstoffe Wachstum. Man bringt Chemikalien aus, die den hohen Ertrag gewährleisten sollen. Nach der Hitze recht bald in der Luft schon der Verfall, noch warm bereits von den Gasen vergehender Grünmasse erfüllt. Die Ernte. Vor der Baracke des Produktionsbetriebes haben sich die Erntehelfer versammelt, die ein kleiner Bus aus der Stadt hierher gebracht hat. Alle Erbanlagen und rechter Wuchs sind wertlos, wenn heute etwas schief geht, es wird immer schwieriger gutes Erntepersonal zu bekommen. Es muss schnell gehen, menschliche Arbeit erzeugt Kosten. Langsam durchkämmen die Erntearbeiter die Pflanzung, die Früchte werden auf an Traktoren befestigten Anhängern gesammelt. Manch eine Frucht entgleitet in der Eile einer linkisch zupackenden Hand, stürzt zu Boden und wird dort zermalmt. Jetzt, eine Hand schnellt auf mich zu. Ein Italiäner mit blassblauen Augen, er hat eine große, nikotingelbe, schwielige Pranke, die dann aber erstaunlich sicher zugreift, fest aber nicht grobschlächtig, ein Profi. Vorsicht Freundchen, keine Druckstelle beim Ablegen, dies würde der Gallwespe Tür und Tor öffnen. Ah, gut, diese Hürde wurde überwunden. Durch meine günstige Stellung innerhalb der Plantage, werden auch nicht mehr allzuviele Früchte über mir gestapelt, die Apfelmusproduktion bleibt mir somit erspart, ich komme wohl regulär in den Handel. In der Verpackung hier wirbeln Frauen in weißer Arbeitsbekleidung. Der eigentliche Verpackungsprozess geschieht vollautomatisch. Der Produktionsleiter sieht hier nach dem Rechten. Von meiner Seite aus alles im grünen Bereich, Boss. Alles auf die bereitstehenden Europaletten gehievt, wir sind jetzt schon im Verkaufsgebinde, die Gefahr von Druckstellen besteht nicht mehr. An der Rampe wartet schon der LKW, der Kraftfahrer, ein vierschrötiger Geselle mit dickem Bauch, steht in der Sonne und kratzt sich rauchend am Po. Die Luft ist nun reichlich gespannt unter der Schrumpffolie, allerdings ein gutes Mikroklima um unsere Frische zu gewährleisten. Auf der Autobahn, es gilt das Gebirge zu überqueren, wir sind nun dreiundzwanzig Tonnen auf dem Weg zum Verbraucher. Der Umweg über den Fruchthof bleibt uns erspart, der Produktionsbetrieb hat einen garantierten Abnahmevertrag mit einer Handelskette. Dieser Teil der Strecke verbraucht den meisten Treibstoff der Anstieg zum Alpenpass. Monoton, wir fahren durch die Nacht. Ich bin ein Produkt, versuch dich auch jetzt in dein Schicksal zu fügen. In meiner Erbinformation liegt, blass verborgen, die Erinnerung an den Garten. Werden und Vergehen in einem Radius von wenigen Kilometern. Ankunft im Lager der Handelskette. Morgensonne erleuchtet von unten ein abziehendes Regengebiet, im Hintergrund tönt ein Gute-Laune-Sender, der die Arbeiter durch den Tag peitscht. Der Verkaufsstellenleiter sitzt in seinem Kabuff hinter der Jalousie und liest, bei einer Tasse Kaffee, die Zeitung. Ah, da sind die Lagerarbeiter mit ihren Hubwagen, jetzt wird verteilt, wir werden vermittels Barcode in der Produktdatenbank der Handelskette erfasst. Für mich geht's wohl heute schon in den Verkauf. Jetzt wird's wieder kritisch, der direkte Kontakt zum Menschen, mit all seinen Unwägbarkeiten. Hier in Form einer hübschen, blonden Auszubildenden, mit offenbar feingliedrigen Händen. Sie ist im zweiten Lehrjahr und soll Ware auspacken. Fahrig schnellt die Hand vor, packt mich recht unsanft, ich drohe zu fallen, bin schon in der Luft, sie fängt mich, birgt mich aufatmend an ihrem Busen. Na Super, das ist ja gerade noch mal gut gegangen, dürfte eigentlich nicht vorkommen, auch wenn man mal schlecht geschlafen hat. Egal, Obst und Gemüse wird hier sehr schön präsentiert im Verkaufsraum. Jetzt heisst es zu warten, hoffentlich nicht zu lange. Dieser lange Reifeprozess, die Reise, um dann in der Biotonne eines 0815-Supermarktes zu enden? Die Musik und die werbenden Durchsagen für den Verbraucher nerven mich persönlich ein wenig. Es wird Abend, über den Handelsplatz senkt sich Dunkelheit, leise summt die Tiefkühlung. Wer wird mich wohl erwählen, mein saftiges Fleisch zu schätzen wissen? Mein Vergehen ist gewiss, möge es nur in Würde geschehen. Früh um acht öffnet die Verkaufsstelle ihre Pforten, vormittags kommen die Arbeitslosen, Senioren und Taugenichtse. Einer nimmt mich in meiner Verpackungseinheit in die Hand, beäugt alles. Nein hier ist nichts matschig du Idiot! Legt mich unsanft zurück, wohl zu teuer, kein Interesse. Nach vierzehn Uhr, in den Händen einer korpulenten Frau, die selbstverständlich kundig meine Qualität erkennt, auch den Preis akzeptiert. Jetzt kommt wohl ein Kaufvertrag zustande. Ab zur Kasse jetzt, nein noch ein wenig schlendern, was gibt es bei Tschibo diese Woche? Naja schon klar. Bezahlen, zack in den Kofferraum des Familienvans, es hätte alles auch noch viel schlimmer kommen können! Im Carport des Reihenhauses angekommen, dann in die Küche. Uhhh, hier ist viel zu warm, sofort in's Gemüsefach, nicht in diese affige Obstschale! Ich bin nur Materie, nicht handelnd, ohne Stimme ein Nichts offenbar. Hier wird ja viel gegessen, eine Familie mit drei Kindern und einem mürrischen, austauschbarem Vater. Die Tage vergehen, meine Frische ist nicht mehr optimal Freunde. Merkt das hier keiner? Schließlich werde ich einem der Gören aufgenötigt. Vitamine! Von Kinderzähnen zermalmt und runtergewürgt. Dies war deine Bestimmung sag ich mir immer wieder, ich hätte mir ja ehrlich gesagt eine zeitintensivere Verarbeitung (z.B. Apfelkuchen) gewünscht. Durch den Schlund zu undefinierbarem Schleim geworfen, aller Nährstoffe beraubt den Darm passierend, als braune Masse stinkend, breiig löse ich mich auf...
25. Oktober 2005